Zitat von Volka im Beitrag #68 Das genannte Anschlussgleis und auch der Bahnhof Altentor war hier schon häufiger Thema. Am besten ich starte mit einem Bild, welches Winfried schon 2016 mal gezeigt hatte. Es zeigt die Einfahrt eines Personenzuges aus Richtung Ilfeld in Nordhausen-Altentor (Nha) am 10.04.1983. Eingekreist ist das Einfahrtsignal C des Bahnhofs Nordhausen-Nord (Nh) und die ehemalige Lage des Abzweigs zum VEB Nortak, erkennbar an der Kurve in der Bahnsteigkante. Das Anschlussgleis wurde nach einhelliger Meinung von Jürgen Steimecke und Dirk Endisch bereits am 30.01.1971 zurückgebaut.
Einfahrt Altentor aus Richtung Ilfeld. Ehemalige Lage der Weiche zum Anschluss VEB Nortak, Foto Winfried Schwarzbach 10.04.1983
Mal eine ganz doofe Frage: War Altentor so überhaupt jemals ein Bahnhof? Dem Signal nach lag es im Bereichs des Bahnhofs Nordhausen-Nord. Hatte es sich nur um einen besetzten Haltepunkt mit dem Fahrdienstleiter in Nordhausen-Nord untergeordneten Wärterstellwerk gehandelt?
Moin Volker. Das Einfahrsignal begrenzt den Bahnhof zur freien Strecke. Damit beginnt dort der Bahnhof Norhausen Nord. Zumindest damals. Altentor war kein eigener Bahnhof sondern ein Haltepunkt im Bahnhof Nordhausen Nord. Im Empfangsgebäude befand sich ein Wärterstellwerk von welchen das Bahnhofsblockgesteuerte Einfahrsignal und die Schrankenanlage bedient wurden. Wo der Weichenschlüssel zur Anschlußweiche stationiert war weiß ich nicht. Möglich wäre es in einen Blockabhängigen Weichenschloß vor Ort oder beim Fahrdienstleier im Bf. Auch kann ich mich nicht an einen Flankenschutz sprich Gleissperre im Anschlußgleis mehr erinnern. Als Nebenbeschäftigung oblag dem Wärter auch die Fahrkarten-und Expressgutabfertigung. Ein Ausfahrsignal gab es dort nicht. Die Züge fuhren ab wenn die Schranke geschlossen war. Ab einer bestimmten Zeit (ca. in den 1980er Jahren) brauchten durchfahrende Züge aber eine Zustimmung des Wärters. Diese wurde durch hochhalten eines Armes oder einer weiß leuchtenden Lampe erteilt. Wann das eingeführt wurde weiß ich nicht mehr. Durchfahrende Züge hatten seit dem in Altentor einen Betriebshalt. Auf Grund des Unfalls in Langenweddingen 1967 mußten alle Schranken geschlossen sein bevor die Hauptsignale auf Fahrt gestellt wurden. Wie das Bahnhofsbetrieblich bei zunehmenden Straßenverkehr geregelt war weiß ich auch nicht mehr. Soweit mal meine Erinnerungen dazu.
Nach über zwei Jahren muss ich nochmal auf den Umbau des Bahnhofs Niedersachswerfen NWE, später Ost, zurückkommen. Damals waren als Quellen nur das schon so oft genutzte Luftbild vom 12.09.1944 verfügbar sowie ein Gleisplan vom 09.07.1951 sowie einer zum geplanten Umbau mit Datum vom 03.08.1944. Die letzten zwei stellte mir Jürgen Steimecke zur Verfügung und der vom August 1944 ist auch in seinem hier bereits häufig erwähnten Buch enthalten. Es stellte sich heraus, dass die in dem Plan von 1944 dargestellten Gleislagen des ursprünglichen Bahnhofs nicht ganz der Führung im Luftbild entsprachen und es kleine Abweichungen gab. Zur Erinnerung als Erstes nun das Luftbild vom 12.09.1944 mit dem in gelb nachgezeichneten Gleisverläufen. In Richtung Nordhausen weist das Luftbild deutlich Schwächen auf, jedoch ließen sich die eingezeichneten Gleisverläufe inzwischen durch andere Luftbilder bestätigen.
Vor zwei Jahren fehlte aber ein Beweis, ob der im August 1944 geplante Umbau auch wirklich so umgesetzt worden ist. Bekanntermaßen gab es keinen Neubau des Bahnhofsgebäudes, noch wurden Schranken aufgestellt. Aber was war mit den zwei Gleisen von Harzungen her, zumal es auch Berichte über nur ein Gleis z.B. in den Publikationen von Dirk Endisch gab? Nun war das eine Luftbild vom März 1945 zum Abzweig Mühlberg gerade so ausgewählt, dass auch der Bahnhof Niedersachswerfen NWE ganz einsehbar ist. Und siehe da, ...
... es lag nur ein Gleis von Harzungen, welches in den Bahnhof führte. Jedoch war das vorgesehene Planum für das zweite nach dem Plan zumindest begonnen worden, was an dem neugeschaffenen Graben erkennbar ist.
Nun kann man sich fragen, ob es noch weitere Detailunterschiede vorhanden waren. Und ja, die gab es. So lag das von Harzungen kommende Streckengleis ganz am äußersten Rand des Planums, so dass eine eine möglichst große Länge des Bahnhofsgleis 2 genutzt werden konnte. Des Weiteren weist das Ladegleis 3 eine leicht andere Lage als auch Länge auf.
Legt man den ermittelten alten Gleisplan (wiederum in gelb) in das Luftbild von 1945, lässt sich erkennen, dass das der Verlauf des neuen Ladegleis 3 bis auf den nördlichen Anschluss ziemlich genau dem alten Ladegleis entspricht. Weiterhin hat man den Verlauf des Streckengleis aus Harzungen nur auf dem letzten Stück angepasst.
Wegen des Ladegleis 3 war ich auch lange im Zweifel und habe bei der vorherigen Darstellung letztendlich an den Umbauplan vom August 1944 gehalten. Leider wäre der Gleisplan vom Juli 1951 dafür die bessere Wahl gewesen, wie sich auf der folgenden Abbildung erkennen lässt.
Also lässt sich der neue, zum Kriegsende existierende Gleisplan folgendermaßen in das Luftbild von 1945 nachzeichnen:
Und so stellt sich der Gleisplan in dem auch bereits verwendeten Luftbild von 1980 dar, wo weder die beiden Ladegleise und natürlich erst recht nicht das Streckengleis nach Harzungen noch vorhanden waren.
Zum Schluss und zur heutigen Orientierung habe ich abschließend beide Gleispläne nochmal im aktuellen Orthophoto wiedergegeben. Wie man sieht, sind die ganzen Georeferenzierungen und Nachzeichnungen nicht so exakt, dass sie 100 % über einander liegen. Das trifft jedoch nicht auf veränderte Lage der durchgehenden Bahnhofsgleise 1 und 2 zu. Diese sind wirklich unterschiedlich.
Zitat von Bergmensch im Beitrag #182Moin Volker. ... Ein Ausfahrsignal gab es dort nicht. ...
Hallo Reiner, nur noch mal als interessierte Nachfrage: später gab es doch dann aber irgendein Ausfahrsignal? Ich glaube mich jedenfalls zu erinnern, dass man vom Bahnsteig in Altentor auf ein solches Signal (als Lichtsignal!) schaut - aber ich bin mir jetzt aus dem Gedächtnis nicht mehr sicher, ob in Richtung Ilfeld oder in Richtung Nordhausen-Nord. Und ich weiss natürlich nicht, ob das ein "echtes" Ausfahrsignal ist, oder "nur" ein Zwischensignal? Meine Fragen: * ist meine Erinnerung richtig, dass vom Bahnsteig aus ein Lichtsignal sichtbar war? (auch heute noch sichtbar ist??) * war das Ri. Ilfeld oder Ri. Nordhausen Nord? * wenn es das "ganz früher" = in Deiner aktiven Zeit nicht gab - wann ist es hingesetzt worden und warum?
wieder mal ganz herzlichen Dank für diese Akribie bzgl. Niederscahswerfen! Ich lerne viel: * der Umbau fand zwischen September '44 und März '45 statt * das zusätzliche Ladegleis 4 wurde gebaut * das bisher beidseitig angebundene Gleis 3 wurde zum Stumpfgleis, aber entgegen der Planung NICHT in seiner Achse verschoben * die Hauptgleise Gleis 2 und 1 wurden BEIDE in ihrer Achse verschoben (!! aha!) * aus Ri. Harzungen gab es nur ein Gleis, für das zweite Umfahrgleis wurde nur das Planum mit erstellt * die Einmündungsweiche aus Ri. Harzungen in Gleis 2 wurde Ri. Süden verschoben, damit bekam das Harzunger Gleis auf dem anschließenden Stück eine etwas andere Achse. Alles hochinteressant, und einige Punkte (z.B. dass BEIDE Hauptgleise verschoben wurden) war mir noch nicht klar. Merci! Beste Grüße, Bernd
auch von mir vielen Dank großen Respekt für die viele Arbeit. Ich finde diese Exkurse sehr spannend, das lässt sich mittels eines rein textbasierten Forums nur begrenzt ausdrücken.
eigentlich hatte ich dieses Thema mal begonnen, um bei OpenRailwayMap (ORM) heute nicht mehr vorhandene Strecken und Gleise zu dokumentieren. Daraus hat sich dann viel mehr entwickelt. In der Folge ging oft viel mehr um die Entwicklung und Hintergründe von diesen, als die spätere Übertragung von einzelnen Gleisen in ORM. Wie bereits beschrieben, werden diese Daten eigentlich in die Datenbank von OpenStreetMap (OSM) eingegeben. Für die Darstellung bei OSM selber, wird jedoch nur ein Teil ausgewertet, während ORM den Großteil der für die Eisenbahn relevanten Daten / Eigenschaften anzeigt. Dies betrifft insbesondere auch heutzutage nicht mehr betriebene oder vorhandene Gleise. Dies lässt sich an dem folgenden Beispiel nahe des Haltepunkts Hesseröder Straße der Harzer Schmalspurbahnen in Nordhausen zeigen. Während in OSM nur die Südharzstrecke und die Harzquerbahn zu sehen sind, zeigt ORM zusätzlich die nicht mehr existenten ausfädelnden Gütergleise aus der Northeimer Strecke, Anschlussgleise sowie die alte Streckenführung der NWE.
Gleise nahe des Hp Hesseroder Straße in OSM
Gleise nahe des Hp Hesseroder Straße in ORM
Dieser Unterschied liegt daran, dass für die Darstellung in ORM (und susudata.de)zusätzlichen Daten zum sogenannten Lebenzyklus ausgewertet werden. Für die rückblickende Betrachtung betrifft dies in der deutschen Bezeichnung die Eigenschaften: stillgelegt, abgebaut und überbaut. Die für die Kartografierung - dem "Mapping" - im Hintergrund verwendeten englischen Bezeichnungen (tags) sind disused, abandoned und razed. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die maßgeblichen englischen Begriffe nicht unbedingt das bedeuten, was die deutschen Begriffe zugerieren. Z.B. muss disused (außer Betrieb) nicht dem deutschen, rechtlich genutzten Begriff stillgelegt entsprechen. Hier zum Überblich einmal die Gegenüberstellung der aktuell noch verwendeten deutschen und englischen Legende von ORM. Die Einträge zum Lebenzyklus habe ich darin hervorgehoben.
Deutsche und englische Legende von ORM im Juli 2026
In der Gegenüberstellung der Legenden habe ich bereits angedeutet, was im Dezember 2024 für das Mapping bzw. Tagging in OSM beschlossen worden ist: Razed - also alle nicht mehr vorhandenen und nicht mehr erkennbaren - Gleisanlagen solle nicht mehr angezeigt bzw. dieser Tag nicht mehr verwendet werden. Hintergrund ist, dass OSM eine aktuelle Karte ist. D.h. es soll nur das dargestellt werden, was on the ground - auf dem Boden - erkennbar ist. Dazu würde auch die alte Streckenführung der NWE in dem obigen Beispiel gehören. Spätestens im Bearbeitungsmodus wird auch klar, dass dieses Gleis zu Recht bei der Mehrzahl der Bevölkerung auf Unverständnis treffen kann, falls mal jemand z.B. seine neue Garage eintragen möchte. Ich gebe aber auch zu, dass dieser Eintrag von mir damals als razed war bereits grenzwertig.
Beispielbereich im OSM-Bearbeitungsmodus mit Fokus auf das alte Streckengleis der NWE
Wie geht es nun weiter? Für derartige Strecken wird die Verwendung der neugeschaffenen OpenHistroricalMap empfohlen. Auch stellt sich die Frage, was als abandoned / abgebautes Gleis gewertet werden kann. Die Ausfädelung zu dem Güterbahnhof im Beispiel wird Dank des riesigen Bahndamms sicherlich dazugehören, aber über andere Beispiele lässt sich streiten, was vor Ort, im Luftbild, von einem Kundigen oder Unkündigen als solches erkannt wird. Eine großangelegte Löschaktion für überbaute Gleise wurde jedenfalls nicht gestartet, wie man an dem obigen Beispiel erkennen kann. Das überlässt man wohl der ständigen Überarbeitung der sogenannten OSM-Mitwirkenden. Dazu gibt es zumindest ein erschreckendes Beispiel: Einer, der kleinteilig Punkte um Bamberg und Fürth korrigiert und ergänzt, hat mit viel Überzeugung und Sendungsbewusstsein, nach offensichtlich kurzen Blick auf Luftbilder alle abgebauten Nebenbahnen in Franken ausgelöscht.
Wie werde ich nun verfahren? Ich weiß es noch nicht. Tiefenbachmühle habe ich jedenfalls noch als razed gemappt.
Hello all from the USA! My name is Jacob and I have been doing some family research. I stumbled upon this forum, and the topic of the Nordhausen tunnels and train routes, and figured I would reach out and see if anyone in this forum might have some information. My great grandparents, and my grandfather, were Russian, and told us that the Germans took them out of Russia to work in Germany during the war. Thus, we believe they were Ostarbeiters. They have since all passed away.
Their names were: Peter Lomakin, born 1 October 1915 in Tambov, Russia Nina (Maslenikova) Lomakin, born January 22 1916 in Rostov-on-Don, Russia Henry Lomakin, born March 22, 1937, probably in Rostov-on-Don, Russia
In my research, especially connected to the Arolsen Archives, I have found an interesting document that I've attached. My great grandfather states in this document that he was a construction worker in Niedersachswerfen but his documents were burned. Based on his stated arrival date of August of 1944, I have assumed that he was living around the town of Niedersachswerfen and may have come with a group when the Nordwerk opened and necessitated more workers. Additionally, immediately after the war he ended up driving trucks for the Americans, I've also attached a file of his pass given to him. His displaced person's (DP) camp ended up being in Mönchehof, near Kassel. Many of the leaders of that camp had worked for a Russian operated construction company known as Erbauer in Niedersachswerfen, it seems they were near Baustelle B-3B. Given these facts, I believe it is possible that Peter was also living near Baustelle B-3B.
This may not be the right place for this information, but I figured that I might ask anyways, given it seems many of you in this forum have a deep passion for this research. Any help, information, or direction you might be able to provide would be extremely appreciated.
the story of your great grandparents seemed to be interesting and unsual for "Ostarbeiter", but I believe we cannot help you much here. Nevertheless, I like to give some more general information you may not know, and some hints where to ask else. But let me start with a translation of your posting for all those who have problems with english, which I did for ease using deepl.
Auf Deutsch: Die Geschichte Ihrer Urgroßeltern scheint für „Ostarbeiter“ interessant und ungewöhnlich zu sein, aber ich glaube, wir können Ihnen hier nicht viel weiterhelfen. Dennoch möchte ich Ihnen gerne einige allgemeinere Informationen geben, die Sie vielleicht noch nicht kennen, sowie ein paar Hinweise, wo Sie sich sonst noch erkundigen können. Aber lassen Sie mich zunächst mit einer Übersetzung Ihres Beitrags für alle beginnen, die Probleme mit Englisch haben. Diese habe ich der Einfachheit halber mit deepl erstellt. Klickt bitte auf den folgenden Spoiler. Am Ende bekommt ihre meine Antwort auf dieselbe Art auf Deutsch.
Hallo zusammen aus den USA! Mein Name ist Jacob und ich beschäftige mich gerade mit Ahnenforschung. Ich bin zufällig auf dieses Forum und das Thema der Nordhausener Tunnel und Zugstrecken gestoßen und dachte mir, ich melde mich mal, um zu sehen, ob vielleicht jemand in diesem Forum Informationen dazu hat. Meine Urgroßeltern und mein Großvater waren Russen und erzählten uns, dass die Deutschen sie während des Krieges aus Russland holten, um in Deutschland zu arbeiten. Daher glauben wir, dass sie Ostarbeiter waren. Sie sind inzwischen alle verstorben.
Ihre Namen waren: Peter Lomakin, geboren am 1. Oktober 1915 in Tambow, Russland Nina (Maslenikova) Lomakin, geboren am 22. Januar 1916 in Rostow am Don, Russland Henry Lomakin, geboren am 22. März 1937, wahrscheinlich in Rostow am Don, Russland
Bei meinen Recherchen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Arolsen-Archiv, bin ich auf ein interessantes Dokument gestoßen, das ich beigefügt habe. Mein Urgroßvater gibt in diesem Dokument an, dass er als Bauarbeiter in Niedersachswerfen tätig war, seine Unterlagen jedoch verbrannt seien. Aufgrund seines angegebenen Ankunftsdatums im August 1944 gehe ich davon aus, dass er in der Umgebung von Niedersachswerfen lebte und möglicherweise mit einer Gruppe gekommen war, als das Nordwerk eröffnet wurde und mehr Arbeitskräfte benötigt wurden. Außerdem fuhr er unmittelbar nach dem Krieg Lastwagen für die Amerikaner; ich habe auch eine Kopie seines Ausweises beigefügt, der ihm ausgestellt wurde. Sein Lager für Vertriebene (DP) befand sich schließlich in Mönchehof bei Kassel. Viele der Anführer dieses Lagers hatten für ein russisch geführtes Bauunternehmen namens „Erbauer“ in Niedersachswerfen gearbeitet; offenbar befanden sie sich in der Nähe der Baustelle B-3B. Angesichts dieser Tatsachen halte ich es für möglich, dass auch Peter in der Nähe der Baustelle B-3B lebte.
Vielleicht ist dies nicht der richtige Ort für diese Information, aber ich dachte mir, ich frage trotzdem einmal nach, da viele von Ihnen in diesem Forum offenbar eine große Leidenschaft für diese Forschung haben. Ich wäre Ihnen für jede Hilfe, Information oder Hinweis, den Sie mir geben könnten, äußerst dankbar.
Mit freundlichen Grüßen, Jacob Aspling
There are three members in this group who come from villages around Niedersachswerfen, as far as I know, and contributes some times to the topics here. They were born after the war. Like your grandparents and your grandfather allmost all people, who witnessed these times or could remember your family already passed away. Further, the population around Nordhausen doubled these days, when they arrived in Germany from Russia. A lot of documents got lost when the city of Nordhausen was destroyed by allied air forces shortly before they reached the town and a few day later when the SS decided to exacuate all underground factory projects around Niedersachswerfen.
The unusual of their story, is that came to Germany as whole family and not as single persons and additionaly were working for a russian company. Typically russians, like other people from the Soviet Union, was brought there without family and were forced to work as "Zwangsarbeiter" (when from Poland or USSR also "Ostarbeiter") or even more worse as inmates in concentration camps. Last was also a way to keep the secrets.
When your great grandfather was working in the Nordwerk, he must have been involved in jet engines. The Mittwelwerk was for building rockets and all other projects around Niedersachswerfen were under construction or just planned like B3b. Also they must have been some importance to the americans or simply had luck because displaced persons were typically brought back to the country they came from. In the case of the Soviet Union that means they were often treated as traitors and punished hardly by the terror regime there. BTW: Erbauer is german word and has a meaning like builder.
As stated above, this is maybe not the best place to gain some more informations. You might try to contact Mr. Baranowski who did a lot of research of forced labor and arms productions in this area and published several books about it: https://www.rabaranowski.de/veroeffentli...ank_baranowski/
Soweit ich weiß, gibt es in dieser Gruppe drei Mitglieder, die aus Dörfern rund um Niedersachswerfen stammen und gelegentlich zu den Themen hier beitragen. Sie wurden nach dem Krieg geboren. Wie deine Großeltern und dein Großvater sind fast alle Menschen, die diese Zeiten miterlebt haben oder sich an deine Familie erinnern konnten, bereits verstorben. Außerdem hat sich die Einwohnerzahl rund um Nordhausen in jenen Tagen verdoppelt, als sie aus Russland nach Deutschland kamen. Viele Dokumente gingen verloren, als die Stadt Nordhausen kurz vor dem Eintreffen der Alliierten durch deren Luftstreitkräfte zerstört wurde und als die SS wenige Tage später beschloss, alle unterirdischen Fabrikprojekte rund um Niedersachswerfen zu räumen.
Das Ungewöhnliche an ihrer Geschichte ist, dass sie als ganze Familie und nicht als Einzelpersonen nach Deutschland kamen und zudem für ein russisches Unternehmen arbeiteten. In der Regel wurden Russen, wie auch andere Menschen aus der Sowjetunion, ohne ihre Familien dorthin gebracht und gezwungen, als „Zwangsarbeiter“ (wenn sie aus Polen oder der UdSSR stammten, auch als „Ostarbeiter“) oder – was noch schlimmer war – als Häftlinge in Konzentrationslagern zu arbeiten. Letzteres diente auch dazu, Geheimnisse zu wahren.
Als Ihr Urgroßvater im Nordwerk arbeitete, muss er mit Strahltriebwerken zu tun gehabt haben. Das Mittwelwerk diente dem Raketenbau, und alle anderen Projekte rund um Niedersachswerfen befanden sich im Bau oder waren gerade erst in der Planung, wie beispielsweise B3b. Außerdem müssen sie für die Amerikaner von einiger Bedeutung gewesen sein oder einfach Glück gehabt haben, da Vertriebene in der Regel in das Land zurückgebracht wurden, aus dem sie stammten. Im Falle der Sowjetunion bedeutete das, dass sie oft als Verräter behandelt und vom dortigen Terrorregime hart bestraft wurden. Übrigens: „Erbauer“ ist ein deutsches Wort und bedeutet so viel wie „Bauarbeiter“.
Wie oben erwähnt, ist dies vielleicht nicht der beste Ort, um weitere Informationen zu erhalten. Sie könnten versuchen, Herrn Baranowski zu kontaktieren, der umfangreiche Forschungen zu Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion in dieser Gegend betrieben und mehrere Bücher darüber veröffentlicht hat: https://www.rabaranowski.de/veroeffentli...ank_baranowski/
I appreciate you reaching out to me! I will certainly look into the links you've provided, especially the direct historians. I have already looked through the Dora Memorial website and have found it useful in my research. One aspect of the story that I failed to mention, is that my family stated that they were separated and put onto different trains when the Nazis took them from Russia. Peter was alone, while Nina and her son Henry managed to stay together. They said they didn't find one another until after the war, and it ended up that they were not very far apart from each other, only a distance of a few miles. I am not certain that Peter worked for Erbauer, but it seems it definitely was unique as a Russian operated company in Nordhausen and it is possible that he did work for them. Below I've pasted two links to articles in Russian about Erbauer in Nordhausen. If nothing else, I hope that you find it interesting.
Best of luck to you all on your continued research!
Sincerely, Jacob Aspling
Hallo Herr Dehnke,
vielen Dank für Ihre Kontaktaufnahme! Ich werde mir die von Ihnen bereitgestellten Links, insbesondere die der Historiker, auf jeden Fall ansehen. Die Website des Dora-Denkmals habe ich bereits durchgesehen und sie war hilfreich für meine Recherchen. Ein Aspekt der Geschichte, den ich bisher nicht erwähnt habe, ist, dass meine Familie berichtete, bei der Verschleppung durch die Nazis aus Russland getrennt und in verschiedene Züge verladen worden zu sein. Peter war allein, während Nina und ihr Sohn Henry zusammenbleiben konnten. Sie sagten, sie hätten sich erst nach dem Krieg wiedergefunden, und es stellte sich heraus, dass sie gar nicht so weit voneinander entfernt waren, nur wenige Kilometer. Ich bin mir nicht sicher, ob Peter für Erbauer gearbeitet hat, aber es scheint, dass es als russisch geführtes Unternehmen in Nordhausen einzigartig war, und es ist durchaus möglich, dass er dort angestellt war. Unten habe ich zwei Links zu Artikeln auf Russisch über Erbauer in Nordhausen eingefügt. Ich hoffe, Sie finden sie interessant.
thanks a lot for this interesting links to the Homepage of Russians of Latvia. Again, it needed deepl to translate it to german and as last time I will add the whole translation to this posting. There were a lot of details what these russians experienced in that year, but there was nothing essential what "Erbauer" did. Afterwards, I found it worth to google what the often used abbreviation NTS means. According to the Wikipedia article about NTS / National Alliance of Russian Solidarists one can get the impression that "Erbauer" was somehow an underground organisation of them. I like to note that the english and the german wikipedia articles about NTS are a little bit different.
Further, I was searching aerial images of WWII for buildings in Niedersachswerfen close to B3b where this group may had their home, but there was nothing obvious.
Kind regards,
Volker
Hallo Herr Aspling,
vielen Dank für diese interessanten Links zur Homepage von Russen Lettlands. Auch hier war wieder „Deepl“ nötig, um den Text ins Deutsche zu übersetzen, und wie schon beim letzten Mal werde ich die gesamte Übersetzung diesem Beitrag hinzufügen. Es gab viele Details darüber, was diese Russen in jenem Jahr erlebt haben, aber es gab nichts Wesentliches darüber, was „Erbauer“ getan hat. Anschließend hielt ich es für sinnvoll, einmal zu googeln, was die häufig verwendete Abkürzung NTS bedeutet. Laut dem Wikipedia-Artikel über NTS / Nationale Allianz der Russischen Solidaristen gewinnt man den Eindruck, dass „Erbauer“ gewissermaßen eine Untergrundorganisation dieser Gruppe war. Ich möchte anmerken, dass sich die englischen und deutschen Wikipedia-Artikel über NTS ein wenig unterscheiden.
Weiterhin habe ich in Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg nach Gebäuden in Niedersachswerfen in der Nähe von B3b gesucht, wo diese Gruppe möglicherweise ihren Sitz hatte, aber es gab nichts Auffälliges.
DIE RUSSISCHE FIRMA „ERBAUER“ in Niederzachsverfen 1944–1945 Rostislav Polchaninov (USA) FÜR EIN FREIES RUSSLAND
Nr. 18 (38) Februar 2004
==== MITTEILUNGEN DER LOKALEN NTS-ORGANISATION IM OSTEN DER USA ====
R. Polchaninov, 6 Baxter Ave., New Hyde Park, NY 11040-3909, USA rpolchaninoff@mindspring.com
Über den Jahreswechsel 1945 hatte meine Frau in ihrem Tagebuch notiert: „Wir haben ihn ruhig und friedlich in häuslicher Atmosphäre begrüßt … Wir haben jeweils eine Tasse Bier getrunken – und das war’s.“
Von Pater Mitrofan erfuhren wir, dass in Gudersleben, 8 km von Niederzachswerfen entfernt, Menschen unter schrecklichen Bedingungen leben, die gewaltsam aus der Gegend um Pskow deportiert worden waren. Zu Neujahr beschlossen wir, einen außerplanmäßigen freien Tag zu nutzen, um sie zu besuchen.
In seinem Buch schrieb Pater Mitrofan (später Bischof): „Im Lager Gudersleben waren in einer Holzbaracke und in zwei riesigen Stallungen 500 Menschen untergebracht, überwiegend alte Menschen und Frauen.“
„Erdböden, dreistöckige Pritschen, keine Fenster, keine Bäder und nicht einmal Waschbecken, das völlige Fehlen elementarer hygienischer Bedingungen und medizinischer Versorgung. Um sich zu waschen, das Gesicht zu erfrischen und die Hände zu waschen, musste man die Baracke verlassen und zum Brunnen gehen.“
„Auf den Pritschen lagen abwechselnd Gesunde, an Scharlach Erkrankte und Sterbende. Dieses Lager besuchte ich gewöhnlich drei-, mindestens jedoch zweimal pro Woche, um dort Andachten abzuhalten, besondere Gebete für die Kranken und Leidenden zum Thron des allbarmherzigen Erlösers zu erheben und die Unglücklichen zu trösten und zu ermutigen. Bei jedem Besuch musste ich ein oder zwei Verstorbene aussprechen und auf dem nächstgelegenen Friedhof beerdigen. Das Ungeheuer „Lagerführer“ vertrieb mich wiederholt vom Lagergelände. Wenn ich durch die für ihn geöffneten Türen ging, kehrte ich, wie man so sagt, „durch das Fenster“ zu den Unglücklichen zurück (1).
Meine Frau schrieb in ihr Tagebuch: „Wir kamen an, und oh Schreck, was wir dort sahen! Die Menschen leben in drei Baracken. Eine davon ist ein Steinschuppen mit hoher Decke. Bis ganz nach hinten stehen durchgehend Pritschen. In der Mitte werden Feuer entfacht. Es gibt keine Fenster. Die Menschen schlafen auf verfaultem Stroh. Die Füße derer, die auf den unteren Pritschen sitzen, versinken im Schlamm. Sie sitzen gekrümmt da. Die Pritschen sind so gebaut, dass man darauf nur liegen kann. In den anderen Baracken ist es nicht besser. In einer davon hat eine Frau ein Kind zur Welt gebracht. In solch einem Dreck lebt und atmet das Kind! Sie werden schlecht ernährt. Zigaretten gibt es keine. Beim zweiten Mal brachten wir Bücher dorthin sowie zwei Hemden und Hausschuhe für das Neugeborene. Wir mussten bitterlich weinen. Diese unglücklichen Menschen – was können sie zu ihrer Verteidigung schon sagen?! Ihre Übersetzerinnen sind genauso wie sie selbst: wenig gebildete Mädchen mit Kopftüchern.“ Ich möchte noch hinzufügen, dass wir nicht durch das Tor gingen, wo man uns nicht durchgelassen hätte, sondern – nicht ohne Risiko – durch ein Loch im Zaun.
Im Jahr 1945 fiel Weihnachten – der 7. Januar – auf einen Sonntag. Es fand ein Gottesdienst statt. Ein Eintrag im Tagebuch: „Zu Weihnachten hat Mama einen Brezel gebacken, genauer gesagt, wurde er in einer deutschen Bäckerei gebacken. Er kostete 2 Rubel (20 Pfennig). Sehr viele von uns haben welche gebacken. Der Deutsche war böse. Er regte sich darüber auf, dass wir so viele waren. Generell wurde die Behandlung uns gegenüber merklich schlechter. Ich möchte einfach so schnell wie möglich nach Hause.“
In Niederhasswerfen hatte ich keine Zeit, mich um die Schule zu kümmern. Boldyrev ernannte mich zum Stellvertreter des Leiters der Wirtschaftsabteilung, Wenedikt Alexandrowitsch Kosovski (1918–1994). Sein vollständiger Nachname lautete Abdank-Kosovski, doch er verwendete ihn nicht. Er war ein Verwandter des bekannten Wladimir Konkordowitsch Abdank-Kosowski (?–1962), des ersten Chronisten der russischen Emigration. W. A. Kosowski war bei Boldyrev Leiter der Wirtschaftsabteilung in Minsk und anschließend in Brest. Ich weiß nicht, wer ihn in Berg vertrat, aber ich weiß, dass er damals in Berlin von deutschen Behörden Geld für die von „Erbauer“ in Minsk und Brest errichteten Gebäude einforderte. In Nieder-Sachswerfen traf er kurz vor der Ankunft der Amerikaner ein. So fiel die gesamte Arbeit in Nieder-Sachswerfen auf mich zurück.
Bis zur Ankunft des zweiten Transports in Niederzachswerfen war die Schule überhaupt nicht in Betrieb, und mit der Ankunft des zweiten Transports befanden sich in der Schule dieselben 14 Kinder von Arbeitern und Angestellten von „Erbauer“ im Alter von 9 bis 12 Jahren. Der Unterricht fand im Speisesaal an fünf Tagen von 8:30 bis 11:45 Uhr (vier Unterrichtsstunden mit einer Pause) und samstags zwei Unterrichtsstunden von 10:15 bis 11:45 Uhr statt. Ich galt als Leiter und trug die Verantwortung, während die 19-jährige Ljalia Emeljanowa, eine ehemalige Spionin in Banja Luka, zur Lehrerin ernannt wurde. Sie unterrichtete alle Fächer außer Religionsunterricht, den Pater Georgi Lukaschuk dreimal pro Woche erteilte. Russisch fand fünfmal pro Woche statt, Deutsch, Mathematik und russische Geschichte dreimal, Geografie der UdSSR und Gesang zweimal sowie einmal Naturkunde.
Die Vorbereitungen für Weihnachten begannen unmittelbar nach der Ankunft des zweiten Transports. Eine Dame aus der Tschechoslowakei hatte uns Weihnachtsbaumschmuck geschenkt, aber es war nicht genug, und so machte ich mich rechtzeitig, wie wir sagten, „in die Stadt“, d. h. ins nahegelegene Nordhausen, auf die Suche. In Nordhausen gab es viele Geschäfte mit schönen Schaufenstern, aber leeren Regalen. Ich hatte eine entsprechende Bescheinigung der Firma dabei. Ohne diese Bescheinigung konnte man in den Geschäften nicht nur keine Hefte, sondern nicht einmal ein Blatt Papier kaufen. Weihnachtsschmuck war natürlich nirgends zu bekommen, aber nachdem ich die Stadt durchstöbert hatte, gelang es mir, Girlanden aus festem Papier in Form von vergoldeten Eichenblättern zu kaufen. Diese Girlanden waren zur Verzierung von Porträts des „Führers“ bestimmt. Ich kaufte auch kleine Nazi-Fähnchen aus Papier, die zur Wanddekoration verkauft wurden. Aus den vergoldeten Eichenblättern schnitten wir Fische, Sternchen und Garaldische Lilien (das Zeichen der Pfadfinderorganisation) aus, und aus den Fähnchen bastelten die Schüler Ketten für den Weihnachtsbaum.
Meine Frau schrieb in ihr Tagebuch: „Zum Weihnachtsbaum waren der Bürgermeister und andere Deutsche eingeladen. Es gab mehrere Darbietungen der Kinder, einen Kinderchor und Tänze. Die Erwachsenen sangen ‚Kol slaven‘ und ‚Für das Vaterland, für die Freiheit, für das Neue Russland‘. Es war wunderbar. Die Kinder haben das Pfadfindergedicht ‚Unsere Flagge‘ sehr gut vorgetragen. Vier Kinder trugen es vor. Ein Junge stand auf einem Hocker und hielt den weißen Streifen der Flagge, das nächste Mädchen den blauen, das dritte den roten und das vierte alle drei, während es auf einem Knie stand. Auch der Weihnachtsmann war da. Er verteilte Geschenke an die Kinder. Die Kinder bekamen Spielzeug und Leckereien. Sogar meine Miloschka bekam einen Schnuller und eine Tüte Kekse. Es waren viele Leute da. Nach dem Programm wurden die Erwachsenen ohne Kinder gebeten, zu gehen, während die Kinder zum Spielen blieben. Auch Slava blieb, um mit den Kindern zu spielen.“
Unter dem Datum 21. Januar steht ein Eintrag meiner Frau: „Ich habe gerade ‚Das Geheimnis von Solowki‘ von Boris Solonevich gelesen. Ich bin immer noch tief beeindruckt von dem Gelesenen. Meine liebe, teure Heimat! Wann werden wir wohl dorthin zurückkehren können? Ich habe es hier so satt! Ich sehne mich so sehr nach Hause, aber nicht nach dem, was einmal war. Wann werden die russischen Menschen endlich wirklich frei und glücklich sein? Wie viele Leben sind schon verloren gegangen, wie viele gehen gerade jetzt verloren! Gott, hilf uns, gib uns die Kraft, all das durchzustehen!“
„Man behandelt uns immer schlechter. Gestern wurden Fisch und Gurken gegen Lebensmittelmarken ausgegeben, aber als ich um Gurken bat, gab man mir drei Reste, und vom Fisch bekam ich gar nichts.“
Nicht weit von unserem Lager entfernt, in einer der Seitenstraßen, befand sich eine Wursthandlung. Die Ladenbesitzerin war, ganz anders als die anderen, weder herzlos noch geizig. Als meine Frau zum ersten Mal zu ihr kam, um Fleisch zu kaufen, suchte sie ihr ein fetteres Stück aus und verkaufte es ihr zum gleichen Preis, den man für magere und sehnige Abschnitte hätte bezahlen müssen. Als meine Frau das zweite Mal kam, um Fleisch zu kaufen, und um ein fetteres Stück bat, sagte die Verkäuferin, dass man eine solche Leckerei nur beim ersten Mal bekomme, um einen neuen Kunden willkommen zu heißen. Das sei bei den Deutschen Tradition. Und sie fügte sofort hinzu, dass sie einmal pro Woche die fette Brühe, die beim Kochen der Würste übrig bleibt, zum Preis von 2 Mark pro Portion abgeben werde.
Das Wasser war nicht besonders fettig, roch aber angenehm nach geräucherter Wurst, und daraus ließ sich eine ganz gute Kohl- oder Erbsensuppe kochen. Vor dem Krieg wurde solches Wasser natürlich als Abwasser weggegossen, doch während des Krieges diente es den Ausländern, die am Rande des Hungertodes lebten, als zusätzliche Nahrungsquelle.
Früh am Morgen bildete sich eine lange Schlange von Ausländern, die Wasser aus den Wurstbehältern holten. Das Wasser wurde nicht im Laden ausgegeben, sondern im Hof, durch ein Tor, zu dem ein magerer Arbeiter einen großen Kessel trug. Er war für den Verkauf dieses Wassers zuständig, und am Boden des Kessels fanden sich immer ein paar kleine Wurstabschnitte. Einmal fiel meiner Frau ein solches Stückchen zu. Der Arbeiter reichte es ihr so, dass es niemand bemerkte, und sagte zu ihr: „Jsem Tscheche.“ Der Tscheche versuchte, seinen Leuten zu helfen, und für ihn gehörten alle Ausländer dazu.
Auch die Amerikaner versuchten, uns zu unterstützen. Manchmal fand man morgens, nach einem nächtlichen Luftalarm, auf dem Feld oder im Wald unweit des Lagers gefälschte Lebensmittelkarten. Sie wurden in den USA hergestellt, und zwar mit einer so erstaunlichen Präzision, dass niemand sie von den echten unterscheiden konnte. Gleichzeitig geschah dies auch mit dem Ziel, die deutsche Wirtschaft mit Millionen gefälschter Karten zu untergraben.
Der Zug, in dem die aus dem Berliner Gefängnis befreiten Führungskräfte der NTS unterwegs waren, geriet am 17. April in Pilsen (Plzen) unter Beschuss der Alliierten Luftwaffe. Dabei kamen M. E. Gekker mit ihrer Tochter Natascha, Kirill Dmitrijewitsch Vergun (1907–1945), Jura Jedilagin und viele andere. Der im selben Zug mitreisende Oberst der ROA, K. Kromiadi, beschrieb in seinem Buch „Für das Land, für die Freiheit …“ auf den Seiten 208–214 ausführlich alle Schrecken des Luftangriffs. Sowohl er als auch V. M. Baidalakov wurden verwundet. In seinem Buch heißt es, dass an dem Luftangriff auf den Güterbahnhof Pilsen, wo sich unter den zahlreichen Militärzügen auch der Zug mit den Mitarbeitern der ROA und den Mitgliedern des NTS befand, tausend Bomber beteiligt waren und dass der Angriff 35 Minuten dauerte.
Am 9. März schrieb meine Frau in ihr Tagebuch: „Gestern habe ich in der Bäckerei Zigaretten gegen Brot getauscht, 20 Zigaretten gegen zwei Kilogramm Brot. Ich bin mehrmals hingegangen – aber jedes Mal kam mir jemand in die Quere. Mit den Lebensmittelkarten bekommen wir jetzt ein Kilogramm weniger Brot, d. h. 5 kg pro Monat, 250 Gramm weniger Getreide und 125 Gramm weniger Butter. Gut, dass es Zigaretten gibt, auch wenn man sie außer gegen Brot gegen nichts anderes eintauschen kann. Kürzlich bin ich in deutsche Dörfer gegangen, um mein Glück zu versuchen. Ich habe hundert Zigaretten, Stoff für ein großes Doppelbettlaken und zwei Handtücher mitgenommen. Die Textilien haben sie nicht genommen. Davon haben sie schon genug! Sie haben nur 20 Zigaretten genommen und mir dafür vier Eier und zwei Kilogramm schlechte Bohnen gegeben.
28. März. Es ist viel Unangenehmes passiert. Ein Deutscher wurde in die Firma eingeteilt. Zunächst gab es eine Kommission, die von Haus zu Haus ging und nachschaute, wer zu Hause war. Sie haben beobachtet, wie die Angestellten arbeiten. Es gab eine Versammlung, bei der ein Deutscher die Arbeiter und Angestellten befragte, womit sie beschäftigt seien. Er sagte, wenn sie gesund seien, könnten auch Kinder und alte Menschen arbeiten. Viele Angestellte wurden aus dem Büro zum Bahnhof geschickt, um dort irgendetwas zu verladen. Jetzt müssen die Arbeiter um 6 Uhr morgens zur Arbeit erscheinen und bis 18 Uhr arbeiten, mit einer Stunde Mittagspause, während die Angestellten von 6:30 Uhr bis 18:00 Uhr arbeiten. Ab dem nächsten Monat gibt es Milch nur noch für Kinder unter 6 Jahren.“ Ein paar Zeilen weiter steht: „Boldyrev wurde verhaftet.“ Allerdings wurde er bald wieder freigelassen.
„31. März. Ununterbrochene Alarmzustände. Eine endlose Anzahl von Flugzeugen fliegt über uns hinweg. Über die Zeitungen verkünden die Deutschen, dass, wenn die Sirenen eine Minute lang heulen, es sich um einen gewöhnlichen Luftalarm handelt, und wenn sie fünf Minuten lang heulen, bedeutet dies: feindliche Landung, und alle Deutschen müssen mit Waffen erscheinen, um den Feind abzuwehren.“
„2. April. Dr. Ljaskowski sagte, dass in dem Lager, in dem wir mit Slava waren, alle von Typhus, Bauchtyphus und Fleckfieber dahingerafft werden. Die Deutschen schenken dem keinerlei Beachtung und geben keine Medikamente.“ Dr. Georgi Anatoljewitsch Ljaskowski wollte irgendwie helfen, aber die Deutschen erlaubten es nicht.
„4. April. Die Front rückte unerwartet näher. Auf der Landstraße wimmelt es von deutschen Flüchtlingen. Es ist erbärmlich anzusehen. Kinder und alte Menschen gehen fast ohne Hab und Gut. Den Russen wurde heute kein Brot gegeben. Nur die Deutschen bekamen welches.“
Man spürte, dass der Krieg zu Ende ging. Von überall her kamen Mitglieder der NTS, ihre Freunde und Angehörigen ins Lager. Die örtliche NTS-Gruppe teilte ihnen auf verschiedene Weise mit, wohin sie fahren und wie sie uns finden konnten, obwohl wir nicht einmal sagen durften, dass wir in Niederzachswerfen lebten und arbeiteten. Alle Briefe kamen an folgende Adresse: Baustelle B 3 B, Nordhausen, Postlagernd. In Deutschland hatte niemand das Recht, seine Arbeit aufzugeben und einfach irgendwohin zu fahren. So schickte beispielsweise A. A. Zwickewitsch seine Frau und seine Tochter ins Lager „Erbauer“, „desertierte“ von seiner Stelle als Ingenieur bei einer Firma in Braunschweig und kam unter dem Risiko einer Verhaftung nach Nieder-Sachswerfen. „Aus Angst vor einer Fahndung hielt er sich illegal im Lager auf. Er musste sich ab fünf Uhr morgens auf dem an das Lager angrenzenden, bewaldeten Berg verstecken und durfte erst bei Einbruch der Dunkelheit ins Lager zurückkehren. Glücklicherweise dauerte dies nicht lange – die Deutschen hatten bereits keine Zeit mehr, nach Flüchtlingen zu suchen.
Auf diese Weise wurde das Lager fast täglich durch neue Menschen aufgefüllt“ (4).
Damit es den Ausländern nicht so leicht fiel, von der Arbeit zu fliehen, gaben die Deutschen ihnen Lebensmittelkarten nur für eine Woche, während die Deutschen eine Karte für vier Wochen erhielten.
Aber es gab noch einen weiteren Fall, bei dem das Lager durch neue Menschen verstärkt wurde, und auch davon muss berichtet werden. Das geschah am 8. April, drei Tage vor der Ankunft der Amerikaner. Meine Frau schrieb in ihr Tagebuch: „18. April. Im Nachbardorf gab es ein Arbeiterlager. Vor etwa zehn Tagen, kurz vor der Ankunft der Amerikaner, haben die Deutschen alle hinausgeworfen. Die Ausländer wurden in ein anderes Lager geschickt, und den Russen sagte man: ‚Von wo ihr gekommen seid, dorthin geht auch wieder.‘ Die Russen blieben ohne Obdach und ohne ein Stück Brot zurück. Arme russische Menschen! Womit haben sie sich schuldig gemacht? Warum sind sie zu endlosem Leid verdammt?“
Das Wetter war herrlich. Die Deutschen waren irgendwohin verschwunden. Niemand tat etwas. Slava und ich beschlossen, spazieren zu gehen. Wir gingen durch den Wald und genossen es in vollen Zügen, bis wir einen schrecklichen Anblick erblickten. Mehrere notdürftig aus Zweigen zusammengebastelte Hütten und ein Lagerfeuer. Als wir näher kamen, sahen wir Menschen, die am Feuer saßen. Ein greiser Mann mit langem, grauen Bart, Frauen mit Kindern, darunter ein kleines, acht Monate altes Baby. Sie bereiteten ein Mittagessen aus gefrorenen Kartoffeln zu, die auf dem Feld liegen geblieben waren. Hungrig, schmutzig, körperlich und seelisch gequält – diese Menschen glichen eher Tieren. Ich hätte nie gedacht, dass man unter solchen Bedingungen leben kann. Dieses Säugling musste dieselbe Suppe aus gefrorenen Kartoffeln essen, weil die Mutter keine Milch mehr hatte und sie sonst nichts anderes besaßen. Vorräte konnten sie nicht anlegen, da sie sich, wie man so sagt, „aus dem Kessel“ ernährten. Wir nahmen den Großvater mit und führten ihn zu Boldyrev, um die Erlaubnis zu erbitten, dass diese Menschen bei uns in den unfertigen Baracken unterkommen durften. Mit Boldyrevs Erlaubnis zogen sie alle aus dem Wald zu uns. Ich sammelte bei unseren Arbeitern Kartoffeln zugunsten der Flüchtlinge ein, obwohl uns selbst das Essen fehlte.“
Wir nannten die Menschen aus dem Wald „Flüchtlinge“. Ich habe noch eine Bekanntmachung aufbewahrt: „Flüchtlinge! Heute, am 10. April, wird in der Küche von 13:00 bis 13:30 Uhr Kartoffelsuppe ausgegeben. Wirtschaftsabteilung R. Polchaninov“. Mehr konnten wir nicht tun. An diesem Tag blieben uns dreien zum Abendessen nur noch zwei Kartoffeln und eine Zwiebel. Schwer zu sagen, wie das alles ausgegangen wäre, wenn am nächsten Tag nicht die Amerikaner gekommen wären.
K. W. Boldyrev beschrieb in seinen Erinnerungen einen Vorfall, den man ruhig noch einmal erzählen darf: „Der Kontakt zu den Häftlingen war von den Deutschen strengstens verboten. Aber manchmal wurden Häftlinge unter Bewachung in unser Lager gebracht, um Arbeiten innerhalb des Lagers zu verrichten – Reparaturen oder Elektroinstallationen –, und die Bewohner unseres Lagers hatten Mitleid mit ihnen, gaben ihnen etwas zu essen und schoben ihnen heimlich, ohne dass die Wachen es merkten, Zigaretten zu. Unter diesen Glückspilzen war ein junger Mann. Er hieß Sascha und war Elektriker. Er war sympathisch, hilfsbereit und im Lager sehr beliebt. Stets auf der Hut und verängstigt, fürchtete er um sein Leben. Er war Jude. Von ihm und seinem Schicksal muss erzählt werden. Es war eine dunkle, mondlose Nacht. In einer kleinen Baracke am Rande des Lagers wohnte die Familie Boldyrev sowie ein weiterer Mitarbeiter – Grigorowitsch-Barski. Es war gegen neun Uhr abends. Es klopfte an der Tür meiner Wohnung. Meine Frau öffnete die Tür. <...> „Wir möchten Boldyrev sehen“, erklang leise eine Stimme. Meine Frau bat sie herein. „Das geht nicht“, lautete die Antwort. Ich ging selbst hinaus und schloss die Tür fest hinter mir. Nach einigen Minuten kehrte ich zurück. „Pack mir alles zusammen, was du an Kleidung für drei Personen finden kannst, und alles, was an Essen da ist“, sagte ich zu meiner Frau und fügte beim Hinausgehen kurz hinzu: „Das sind ‚Streifen‘ – man muss ihnen helfen.“ Ich rief Barsky herbei, und wir verschwanden im dunklen Schlund der Nacht. <...> Sie brauchten Hilfe. Und diese Hilfe hätte alle das Leben kosten können“ (5). Natürlich konnten meine Frau und meine Tochter nicht einschlafen, während sie auf die Rückkehr ihres Mannes und Vaters warteten.
„Ich kehrte im Morgengrauen zurück“, fährt K. W. Boldyrev fort, „müde und glücklich. Die ‚Gestreiften‘ waren umgezogen worden. Man hatte ihnen gefälschte Papiere, Essen, eine Karte und Anweisungen gegeben, wohin sie gehen sollten. Sie sollten den herannahenden Amerikanern entgegengehen.
Die amerikanische Armee befand sich 70 Kilometer vom Lager entfernt. Nach Eintreffen der Amerikaner kehrten alle drei Flüchtlinge wohlbehalten ins DP-Lager zurück. Einer von ihnen war Pole, der zweite Russe und der dritte der Jude Sascha. „So retteten wir unter dem Risiko, erschossen zu werden, drei Leben – die Leben von unbekannten, fremden Menschen“ (5).
Ich gehörte zu denen, die Sascha Zigaretten gaben. Einmal fiel in der Küche der Strom aus, und man brachte uns den Elektriker Sascha unter Bewachung. Ich wollte ihm eine Zigarette anbieten und entschloss mich zu einem listigen Schachzug. Zuerst gab ich dem Bewacher eine Zigarette, und als dieser sich bedankte und sie anzündete, bat ich um Erlaubnis, auch dem Elektriker eine anbieten zu dürfen. – „Wie Sie wollen“, sagte der SS-Mann, gab damit indirekt seine Zustimmung und drehte uns den Rücken zu, um nicht Zeuge dieses „schrecklichen“ Vergehens zu sein. „Polozatik“ nahm die Zigarette und steckte sie in seine Zigarettendose. In der Dose blitzte ein grünes Papierstückchen auf. „Ist das etwa Lagergeld?“, dachte ich und fragte: „Was ist das für ein Zettel?“ – „Unser Lagergeld.“
Ich schaute mir den Zettel eine Sekunde lang oder noch kürzer an. Ich hatte nicht einmal Zeit, zu lesen, was in großen Buchstaben in der Mitte stand, aber mir blieb im Gedächtnis, dass der Nennwert in der rechten unteren Ecke angegeben war. Die Schachtel schloss sich. Wie sehr wünschte ich mir als Sammler, diesen Lager-Geldschein sofort zu erwerben! Doch der Aufseher blieb stehen, und der arme Sascha eilte voraus, um hinter den Stacheldraht zurückzugehen.
Dieses Lagergeld fiel mir noch einmal in die Hände, bereits nach dem Einmarsch der Amerikaner, und darauf werde ich später noch eingehen.
Die letzte Arbeit, die „Erbauer“ für die deutschen Herren verrichtete, war das Entladen irgendwelcher Fahrzeuge. S. V. Tribuch schrieb dazu: „Einen Tag vor der Ankunft der Amerikaner wurden alle arbeitsfähigen Lagerinsassen zum Entladen von Güterzügen geschickt. Die Arbeit musste eilig erledigt werden und fand unter Aufsicht von SS-Leuten statt. Das Entladen war erst weit nach Mitternacht beendet. Nachdem das Entladen der Waggons beendet war, erhielten alle Arbeiter je eine Packung Zigaretten und zogen in einer Kolonne unter dem Gesang russischer Lieder ins Lager zurück, womit sie die Bewohner des Ortes in Angst und Schrecken versetzten. Am frühen Morgen floh die SS-Wache mit diesem Transport aus Niederzahswerfen“ (6).
ANMERKUNGEN:
1. Bischof Mitrofan. Chronik eines Lebens. Moskau, Verlag der St.-Wladimir-Bruderschaft
1995, S. 144.
2. Brief von G. Sazonowa (geb. Hecker) vom 4.02.2004 im Archiv des Autors.
3. L. Rar und W. Obolenski. Die frühen Jahre (1924–1948). Moskau: „Posev“, 2003, S. 159.
4. S. V. Tribuch. Menchehof – Lager für russische Displaced Persons 1945–1949. Manuskript. 1988, S. 10.
5. K. V. Boldyrev. Menchehof – Lager für Vertriebene (Westdeutschland). // Fragen der Geschichte. Moskau, 1998. Nr. 7/98. S. 119–120.
6. S. V. Tribukh. Op. cit. S. 6.
Ich halte es für meine Pflicht, Galina Michailowna Sazonowa (geb. Hecker), Irina Wassiljewna Korolenko (geb. Brunst) und Michail Viktorowitsch Montwilow für ihre Unterstützung bei der Arbeit an diesem Artikel zu danken.
NIEDERSAXEN UNTER AMERIKANISCHER BESATZUNG 1945 Rostislav Polchaninov (USA) FÜR EIN FREIES RUSSLAND
erscheint seit März 1982
Nr. 24 (44) September 2004
====== MITTEILUNGEN DER LOKALEN NTS-ORGANISATION IM OSTEN DER USA =====
R. Polchaninov, 6 Baxter Ave., New Hyde Park, NY 11040-3909, USA rpolchaninov@verizon.net
Die deutsche Firma, die in Niederzachswerfen tätig war, hieß „Mittalba“. Ihre Arbeiter waren hauptsächlich Häftlinge des Konzentrationslagers „Dora“, das sich auf dem Kronstein befand, den wir in der Nacht unserer Ankunft in Niederzachswerfen von zahlreichen Lampen beleuchtet sahen. Dieses Konzentrationslager wurde von den Nationalsozialisten kurz nach ihrer Machtübernahme für deutsche Andersdenkende errichtet. Vor dem Krieg lebten die Häftlinge zu zweit in einem Raum, während des Krieges wurden in dieselben Räume jeweils 12 ausländische Häftlinge gepfercht. „Mittalba“ in Niederzachsverfen baute in den Bergen Tunnel, in denen Fabriken untergebracht waren, die „V-2“-Raketen herstellten. Das Lager auf dem Hügel konnte nicht alle Arbeiter aufnehmen, und Nieder-Sachsenwerfen war von einem Ring aus Außenlagern umgeben, die „Baustelle“ genannt wurden. Auf jeder Baustelle gab es eine eigene Firma, die bestimmte Arbeiten ausführte. „Erbauer“ arbeitete auf der Baustelle „B – 3B“. Alles war von Geheimhaltung umgeben. Wir waren freigestellte Arbeitskräfte, wussten aber nicht, für welche Firma wir arbeiteten und was wir tun würden, wenn wir den Bau der Baracken beendet hätten. Beim Bau der Baracken für uns selbst ereilte uns das Kriegsende
Die Ankunft der Amerikaner setzte all dem ein Ende. „Mittelbau“ und alle damit verbundenen Firmen, darunter auch „Erbauer“, hörten auf zu existieren. Wir standen ohne Arbeit und ohne Lohn da, aber das Lager blieb bestehen, und was am wichtigsten war: Disziplin und Ordnung blieben gewahrt.
In seinen Memoiren schrieb K. W. Boldyrev: „Als die Amerikaner inmitten des tobenden Meeres der Anarchie eintrafen, war dieses Lager in Niederzachsverfen die einzige Oase der Ordnung und Disziplin. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Leitung und der Kern des gesamten Kollektivs aus Mitgliedern des NTS bestanden. Nicht nur die Deutschen, sondern sogar viele der Arbeiter der Firma („Erbauer“ – Anm. RVP) hatten von dieser Tatsache keine Ahnung“ (1).
Meine Frau schrieb in ihr Tagebuch: „Die Amerikaner kamen am Mittwoch, dem 11. April. Am Morgen war ein leises Kanonendonner zu hören. Gegen Mittag war das Feuergefecht immer näher zu hören. Plötzlich tauchte in der Nähe unserer Küche ein amerikanischer Panzer auf und begann, auf den Hügel zu schießen, auf dem sich die Deutschen verschanzt hatten. Die Granaten flogen über unsere Baracken hinweg. Während des Beschusses war Pater Mitrofan in der Kirche und betete zu Gott um unsere Rettung. Boldyrev ging zum Panzer, um zu erklären, dass es sich um ein russisches Lager handele, und bat darum, nicht über unsere Köpfe hinweg zu schießen. Die Amerikaner waren zuvorkommend und änderten ihre Position. Sobald der Beschuss aufgehört hatte, gingen Slava und ich hin, um zu sehen, was in der Stadt vor sich ging. Dort, auf dem Platz vor der Kirche, herrschte ausgelassene Stimmung. Die deutschen Mädchen benahmen sich schrecklich. Sie umarmten und küssten amerikanische Soldaten. Überall gibt es offenbar solche, denen jeglicher Nationalstolz fehlt. Die Amerikaner beschenkten die Ausländer mit Zigaretten, Bonbons und Schokolade. Die Deutschen bekamen nichts.“
Boldyrev selbst beschrieb dieses Ereignis wie folgt: „Ich sprang auf, hob die rechte Hand und lief auf die Panzer zu, wobei ich aus voller Kehle rief: ‚Stop Fire!‘ Seltsamerweise wurde das Feuer eingestellt. Aus dem Führungs-Panzer sprang ein junger amerikanischer Offizier heraus. – ‚Who the hell are you?‘ – brüllte er mich wütend an. – ‚I am Russian.‘ – ‚Ein russischer Offizier?‘ fragte er.<...> Ohne diese Frage direkt zu beantworten, begann ich zu erklären, dass sich vor ihm ein russisches Lager befand, in dem sich viele Frauen und Kinder befanden. In diesem Moment kam jemand aus dem Lager auf mich zugerannt und berichtete aufgeregt, dass in der deutschen Siedlung ein kleines Mädchen durch einen Granatsplitter schwer verletzt worden sei. Ich bat den Offizier, einen Arzt zu rufen. Als er erfuhr, dass das Mädchen Deutsche war, antwortete er, es sei den Amerikanern verboten, Deutschen Hilfe zu leisten. Ich bat darum, wenigstens Penicillin zu schicken, damit unsere Ärzte dem Kind helfen könnten. Aber auch das lehnte er ab. Das Mädchen starb später“ (2).
Weiter schrieb Boldyrev, wie die Amerikaner ihn abholten und wie sie ihn und seine Familie zum Mittagessen einluden, um die Lage zu besprechen. Im Hauptquartier, das sich in Nordhausen befand, „wurden wir von der gesamten Militärverwaltung in voller Besetzung empfangen: Oberst Cameron, sein Stellvertreter Oberleutnant Zorgan sowie die Leutnants Lyaflam, Russo und Rogers. <...> Sie alle waren von den Ausschreitungen in Nordhausen völlig überrascht worden. Keiner von ihnen sprach eine andere Sprache als Englisch. Nur Zorgan plapperte ein wenig Deutsch. Während des Mittagessens schilderte ich ihnen die Lage im Landkreis und wie man meiner Meinung nach dort unter den DP-Leuten Ordnung schaffen könnte. Cameron klammerte sich an mich wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. Er bat mich, all das aufzuschreiben. Wir übernachteten in ihrer Villa, und am nächsten Morgen stellte ich meinen Plan vor“ (3).
Boldyrevs Plan gefiel dem amerikanischen Kommando, und man stellte ihn sofort mit dem Titel „Organisator und Verwalter der Vertriebenen im Landkreis Hochenstein“ ein (4). K. W. Boldyrev erklärte den Amerikanern, dass in seiner Firma russische Emigranten arbeiteten, die alle Sprachen Europas beherrschten und in der Lage seien, mit Hilfe der amerikanischen Streitkräfte Ordnung unter den Ausländern herzustellen und sie mit allem Notwendigen zu versorgen. Boldyrev wies auf die Notwendigkeit hin, die Plünderung der von den Deutschen zurückgelassenen Lager mit Lebensmitteln und Gegenständen zu unterbinden, und bat darum, hierfür bewaffnete Wachmannschaften zur Verfügung zu stellen. Die Amerikaner hatten dafür keine Soldaten, aber sie gaben Boldyrev bereitwillig Waffen, damit er aus seinen eigenen Leuten eine Wachmannschaft für die Lager organisieren konnte. Diese amerikanischen Waffen retteten uns später vor einer gewaltsamen Rückführung.
In einem offiziellen Dokument, das die Amerikaner K. W. Boldyrev aushändigten, hieß es: „<...> Als diese Abteilung der Militärverwaltung ihre Aufgaben in diesem Gebiet aufnahm, stellte die Anwesenheit von 40.000 Vertriebenen dort ein äußerst ernstes Problem des Chaos und der Störung der öffentlichen Ordnung dar... Indem er die volle Verantwortung für die Lösung dieses Problems übernahm, organisierte Herr Boldyrev diese Menschen in Gruppen, führte eine Registrierung aller Vertriebenen durch und unterbrachte sie in 16 Lagern mit einer Kapazität von 600 bis 18.000 Personen. Er schuf ein angemessenes System zur Versorgung mit Lebensmitteln, richtete vor Ort Ambulanzen und ein Isolationskrankenhaus für Typhuskranke unter den Displaced Persons ein. Er stellte Arbeitskräfte und Ausrüstung bereit, um dringende Bauprojekte in kürzester Zeit durchzuführen“ (4).
Im Lager Gudersleben brach Ende März, noch vor dem Eintreffen der Amerikaner, eine Typhusepidemie aus, doch die Deutschen erlaubten unserem Arzt G. A. Ljaskowski nicht, die Behandlung der Kranken zu organisieren. Man hatte den Eindruck, als wollten die Deutschen, dass alle erkrankten und starben. Die Lagerleitung floh noch vor dem Eintreffen der Amerikaner, und sobald diese eintrafen, eilte Dr. G. A. Ljaskowski nach Gudersleben, um die Kranken zu retten. Mit Hilfe der Amerikaner richtete Dr. G. A. Ljaskowski ein Krankenhaus mit einer Abteilung für Typhuskranke ein. Ein kleiner geschlossener Lastwagen transportierte alle Kranken von Gudersleben dorthin. Auf dem Lastwagen stand die Aufschrift:
Military Government #7, Landkreis Hohenstein
Typhus Isolation Hospital
Ausländische Arbeiter und ehemalige Häftlinge plünderten das verlassene Nordhausen, ließen die Deutschen in Niederzahswerfen jedoch in Ruhe. Auf Vorschlag von Boldyrew ernannten die Amerikaner Schuster, der vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten Bürgermeister gewesen war, zum Bürgermeister. Die Nationalsozialisten verhafteten ihn, und er verbüßte seine Strafe im Konzentrationslager „Dora“ in seinem Heimatort Niederzachswerfen. Boldyrev kannte ihn gut, da in seinem Haus Mitglieder des Gewerkschaftsverbands wohnten, die nach Niederzachswerfen gekommen waren, bis sie in Baracken untergebracht wurden. Die Deutschen zeigten außergewöhnliche Disziplin. Als sich die Amerikaner näherten, flohen die Nationalsozialisten – die ja die Obrigkeit darstellten –, doch es kam weder zu Machtvakuum noch zu Plünderungen, obwohl es in Niederzahswerfen weder Gendarmen noch Polizei gab.
Die Amerikaner übertrugen Boldyrev und den Mitarbeitern der ehemaligen Firma „Erbauer“ vom ersten Tag an die Verantwortung für die Versorgung der Ausländer. Die Mitarbeiter erhielten zwar kein Gehalt mehr, doch Boldyrev versorgte uns – wie alle Ausländer – mit Kleidung, Lebensmitteln und Zigaretten. Kleidung und ein Teil der Lebensmittel für die DP stammten aus den von Boldyrev kontrollierten deutschen Lagern und wurden nur teilweise mit amerikanischen Besatzungsmarken bei den Deutschen gekauft. Später sollte das Besatzungskostenamt (die für die Besatzungskosten zuständige Behörde) dieses Geld von der Bevölkerung zurückkaufen und vernichten.
Die Deutschen zahlten nach der Eroberung eines Landes ihren Soldaten den Sold in Besatzungsmarken, und diese kauften damit Waren bei der lokalen Bevölkerung, was faktisch einer unauffälligen Plünderung des Landes gleichkam. Kroatien, das formal ein unabhängiger Staat geworden war, vereinbarte Ende 1941 mit Deutschland, dass die Deutschen nichts mehr mit Besatzungsmarken kaufen würden, die Kroaten diese jedoch aus dem Umlauf nehmen und vernichten müssten. Das Auftauchen einer großen Menge an Besatzungsmarken im Umlauf war der erste Auslöser für die Inflation. Die Amerikaner zahlten ihren Soldaten in Europa den Sold in Dollar, und die Soldaten kauften ihre aus Amerika mitgebrachten Waren in speziellen zollfreien „RH“- (PX-)Läden. Um Spekulationen zu vermeiden, wurden den amerikanischen Bediensteten in Europa ab dem 16. September 1945 ihre Soldzahlungen nicht mehr in den in den USA gültigen Dollar, sondern in speziellen Militärzahlungszertifikaten (Military Payment Certificates) ausgezahlt. Auch Großbritannien und Frankreich gaben ähnliche Zahlungsmittel für ihre Soldaten heraus.
Das Lager Boldyrev, in dem alle aufgenommen wurden, die nicht in die UdSSR zurückkehren wollten, wurde zum ersten russischen DP-Lager (DP – Displaced Persons – Vertriebene). Unsere ersten DP-Ausweise erhielten wir am 11. Mai 1945.
Auf diesen Ausweisen stand auf Englisch und Deutsch: „Der Inhaber dieser Karte ist gemäß der Verordnung als Bewohner des Lagers Niederzahs-Werfen registriert, und es ist ihm oder ihr strengstens untersagt, diesen Ort zu verlassen. Ein wiederholter Verstoß gegen diese Anordnung führt zur sofortigen Festnahme. Der Inhaber dieser Karte muss diesen Ausweis stets bei sich tragen“ (meine Übersetzung aus dem Deutschen).
V. A. Kossowski, der kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner in Niederzahswerfen angekommen war, übernahm von mir die Aufgaben der Lebensmittelabteilung, die ich als sein Stellvertreter geleitet hatte, und Boldyrev ernannte mich zum „Leiter der Schulabteilung, bevollmächtigt für die Arbeitslager des Bezirks Hochenstein“.
Als Erstes begann ich, obwohl dies nicht zu meinen Aufgaben gehörte, gemeinsam mit Ing. Iwan Antonowitsch Nikolajuk auf einem Mimeographen das Blatt „Lagerinformationen“ herauszugeben (eine Ausgabe wird in der Sammlung der Columbia University, New York, USA, aufbewahrt). Es handelte sich um eine Radioschau, deren Beiträge von jemandem zusammengestellt wurden, der auf „Sachalin“ ein Radio besaß. Es wurden 11 Ausgaben zu je 30 Exemplaren gedruckt, die wir an die Lager im Bezirk Hochenstein verteilten. Die erste Ausgabe erschien bereits im April 1945 und war die erste Zeitschrift der russischen DP.
Das Lager wurde ständig durch Menschen verstärkt, die nicht in die UdSSR zurückkehren wollten. Auch die Zahl der Schüler stieg an. Ich habe noch einige Dokumente aus dieser Zeit aufbewahrt. Zum Schulleiter ernannte ich den erfahrenen Lehrer Nikolai Nikolajewitsch Donner, und seinen Sohn Andrej ernannte ich zum Leiter der Jugendarbeit (außerschulische Aktivitäten). Zum Leiter des Sekretariats ernannte ich Boris Tichonowitsch Kirjuschin, Mitglied des Wissenschaftlichen Technischen Rates und ehemaliger Leiter der Pfadfinder- und Aufklärungsgruppe von Cetinje. Am 3. Mai wurde Andrej Iwanowitsch Tsybruk, der unter den Deutschen Direktor der russischen Schule in Brest (Polen) gewesen war, in die Schulabteilung aufgenommen; er wurde in Menheghof zum Direktor des Gymnasiums ernannt, und am 24. Mai zählte die Schulabteilung bereits 12 Mitarbeiter. Die Schule war bereits vor der Ankunft der Amerikaner am 11. April in Betrieb, doch aufgrund der Vorbereitungen für den Abzug von Niederzachswerfen nach Kassel wurde der Unterricht am 8. Juni ausgesetzt. Somit war die Schule in Niederzachswerfen die erste Schule für russische Displaced Persons.
Manchmal nahm ich mehrere Exemplare der „Lagerinformation“ mit, wenn ich das eine oder andere russische Lager besuchte, und erkundigte mich nach den Möglichkeiten für den Schulbetrieb. Mit der Organisation des Schulwesens in den Lagern von Nordhausen beauftragte ich Vera Tsutsurova, und Dimitri Osipenko ernannte ich zum Lehrer im Lager Harzungen. In anderen Lagern wollte sich die örtliche Leitung nicht um schulische Angelegenheiten kümmern und erklärte, dass sie nicht von heute auf morgen nach Hause zurückkehren würden und die Kinder dort im September in normale Schulen gehen würden.
Für das Sekretariat der Schulbehörde wurde mir ein Raum in der Verwaltungsbaracke zugewiesen. Der Raum war leer, und Boldyrev stellte mir einen Pferdewagen sowie einen Befehl zur Beschlagnahmung der benötigten Möbel aus den Sekretariaten ehemaliger deutscher Firmen zur Verfügung. An den Türen standen die englischen Aufschriften „Out of Limit“, und es gab eine Wache aus unseren Arbeitern. Ich suchte mir zwei oder drei Tische, einen kleinen Schrank, Stühle und das Papier aus, das mir gerade in die Hände fiel. In einem Schreibtisch befanden sich ein Stempel und Formulare, auf denen wir später den untergetauchten Vlasow-Anhängern gefälschte Ausweise ausstellten, die es ihnen ermöglichten, ihren Dienst in der ROA zu verheimlichen und sich unter den allgemeinen Bedingungen in den DP-Lagern niederzulassen, um anschließend Deutschland zu verlassen.
Entweder am 4. oder am 5. Mai beschlossen meine Frau und ich aus Neugier, das ehemalige Konzentrationslager „Dora“ zu besuchen. Im Lager prangten an den soliden Holzbaracken rote Plakate mit der Aufschrift „1. Mai“ und weiß-rote mit der Aufschrift „3. Mai“. Den 1. Mai feierten die Kommunisten, von denen es im Lager sehr viele gab, und den 3. Mai – den Tag der polnischen Verfassung – feierten die antikommunistischen Polen, von denen es in „Dora“ nicht weniger gab. Das Wetter war schön, und die Menschen, die in den Baracken unter furchtbaren Platzmangelbedingungen lebten, saßen draußen und wärmten sich in der Sonne. Auf der Wiese, in der Nähe der ehemaligen Verwaltung, bemerkte ich plötzlich kleine Zettel, genau wie den, den ich einst bei dem „Gestreiften“ Sascha gesehen hatte. Mir wurde klar, dass ich genau das Lagergeld gefunden hatte, das ich mir einst so sehr gewünscht hatte. Niemand schenkte ihnen Beachtung, doch ich fing an, sie einzusammeln. Darunter befand sich nicht nur Geld aus „Dora“ („Mittelbau“), sondern auch aus Buchenwald mit verschiedenen Aufdrucken. Viele waren verkohlt. Die Deutschen hatten sie beim Verlassen des Konzentrationslagers ins Feuer geworfen, doch der Wind hatte sie über die ganze Wiese verstreut. Ich hob eine alte Zeitung auf und bastelte daraus einen Beutel, der sich bald füllte. Nachdem ich meine Briefmarken- und Papiergeldsammlungen in Sarajevo verloren hatte, konnte ich einige Monate später im Tausch gegen das Konzentrationslager-Geld beide verlorenen Sammlungen wiederherstellen. Die Sammler zeigten außerordentliches Interesse an dem Konzentrationslager-Geld.
Dank der Bemühungen unserer Ärzte G. A. Ljaskovskij, Natalja Schigmanowskaja und Olga Weniaminowna Brunst ging der Typhus zurück, doch G. Ljaskovskij und N. Schigmanowskaja erkrankten schließlich selbst. Nachdem der Transport der Kranken abgeschlossen war, übernahm der kleine Lastwagen mit dem Namen „Tyfus“ andere Aufgaben.
Jegliche Fortbewegung innerhalb Deutschlands war verboten, doch es galt, die über ganz Deutschland verstreuten Anhänger Wlassows und Mitglieder des NTS vor der Repatriierung zu retten. „Von Niederzachswerfen aus gelang es dem ‚Tyfus‘, zwei Fahrten durchzuführen und mehrere Personen zu befördern, darunter den Vorsitzenden des NTS, V. M. Baidalakov, der sich noch nicht vollständig von seiner Beinverletzung erholt hatte“ (5). Baidalakov war in Pilsen verwundet worden, kurz nach seiner Befreiung aus einem deutschen Gefängnis.
Die Fahrten mit dem „Tifus“ wurden N. I. Bevad und G. G. Bonafede anvertraut. Sie besaßen zwar einen entsprechenden Ausweis, doch das war nicht das Wesentliche. „Wenn sie von Patrouillen angehalten wurden, streckte sich Bevad aus dem Fenster, lächelte freundlich und rief besorgt: ‚Vorsicht! Bitte kommen Sie nicht näher! Man kann sich anstecken!‘ und wedelte dabei mit einem Zettel. Danach verloren die Patrouillen jede Lust, sich dem Auto zu nähern, und ließen es – ebenfalls freundlich lächelnd – weiterfahren“ (6).
Der Krieg war vorbei, doch unsere Leiden waren noch nicht zu Ende. In seinen Memoiren schrieb Boldyrev, dass die Amerikaner ihm bereits am 20. Mai mitgeteilt hätten, dass Thüringen an die Rote Armee übergeben werde (7). Um Panik zu vermeiden, begann er heimlich, das Lager auf die Evakuierung vorzubereiten. Von den Deutschen requirierte er zwei Lastwagen, und von den Amerikanern erhielt er unter verschiedenen Vorwänden Benzin. Es galt, die Fahrt nach Kassel – der nächstgelegenen Stadt in der amerikanischen Zone – sicherzustellen. In seinen Erinnerungen schrieb Boldyrev, dass die Amerikaner ihn als ihren Mitarbeiter mitnahmen, „die gesamte Bevölkerung jedoch, einschließlich aller DP, an ihren Orten bleiben musste. Ich reichte sofort meinen Rücktritt ein, bat Oberst Cameron jedoch, meine Befugnisse um zwei Tage zu verlängern und meine Handlungen zu ignorieren. Der Oberst willigte ein und nahm mir mein Ehrenwort ab, dass die von mir vorgeschlagenen Maßnahmen ausschließlich das russische Lager Niederzahsverfen betreffen würden“ (8).
Über die Evakuierung des Lagers heißt es in Boldyrevs Erinnerungen: „Am frühen Morgen des 9. Juni begann die organisierte Evakuierung des Lagers mit 19 Lastkraftwagen, mehreren PKWs und 21 Pferdewagen, die den Kosaken gehörten <...> Neben den Menschen wurden die gesamte Werkstattausrüstung, die Arbeitsgeräte sowie das Eigentum der Kirche, des Krankenhauses und der Schule transportiert. Dazu waren mehrere Fahrten erforderlich. Zunächst wurden die Menschen transportiert, dann die Ausrüstung und das Eigentum. Als die letzte Fahrt Niederzahsverfen verließ, waren in Nordhausen bereits sowjetische Quartiermeister eingetroffen“ (8), die vorausgeschickt worden waren, um die Unterbringung von Einheiten der Sowjetarmee in der Stadt vorzubereiten.
„Die Vorbereitungen und das Verladen weckten die Aufmerksamkeit der Bewohner benachbarter Lager. Von dort kamen besorgte Menschen herbei. Allen wurde offen mitgeteilt, dass das Gebiet in zwei Tagen an die Räte übergeben werden würde. Einige baten darum, mitgenommen zu werden, doch wir mussten ablehnen. Aber allen sagten wir: ‚Geht nach Kassel, sucht das Lager Boldyrev.‘ Auf dem gesamten Weg nach Kassel (etwa 100 km) kamen Menschen an die Straße und baten darum, mitgenommen zu werden. Diese nahmen wir mit, wann immer es möglich war. Den Übrigen wiederholten wir die Aufforderung: ‚Geht … sucht.‘ Etwa 500 Menschen verließen das Lager, und 620 kamen in Kassel an“ (9).
Das erste russische DP-Lager in Niederzachsverfen hörte auf zu existieren, doch das Lager Menchehof führte seine Geschichte fort.
ANMERKUNGEN:
1. K. V. Boldyrev. Menchehof – Lager für Vertriebene (Westdeutschland) // Fragen
der Geschichte. Moskau. 1998. Nr. 7/98, S. 117.
2. Ebenda, S. 118–119.
3. Ebenda, S. 119.
4. Ebenda, S. 118.
5. S. V. Tribuch: „Menchehof – Lager für russische DP“, Manuskript, S. 23.
6. Ebenda, S. 22.
7. K. V. Boldyrev, S. 119.
8. Ebenda, S. 120.
9. ebenda, S. 120–121.
Ich halte es für meine Pflicht, Galina Michailowna Sazonowa (geb. Gekker) und Michail Viktorowitsch Montwilow für ihre Unterstützung bei der Arbeit an diesem Artikel zu danken.
nachdem ich mir die betreffenden Texte durchgelesen habe, bin ich der Meinung, er sollte es auf jeden Fall und vielleicht zu allererst in der Gedenkstäte Mittelbau-DORA versuchen. https://www.dora.de oder einfach "Mittelbau DORA" eingeben,dann "Recherche" und "Personenanfrage" Am besten ist es, dort per Mail anzufragen, da die Gedenkstätte in DORA mit der Gedenkstätte Buchenwald verbunden ist und dort auch Archivalien von DORA zu finden sind. Ich persönlich habe in der Gedenkstätte Mittelbau DORA gute Erfahrungen gemacht!