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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 250 mal aufgerufen
 Harz: Forstwirtschaft, Holztransport und Holzverarbeitung
kuno Offline



Beiträge: 1.500

24.04.2011 21:39
Hillebille Antworten

Meine neueste historische Veröffentlichung handelt über die Hillebille, das Signalinstrument der Köhler.
Für das Forum hier eine leicht geänderte Version:


Aus dem Kohlenmeiler quillt blauweißer Rauch.
Der ergraute Köhler hält die Meilerwache,
schöpft im Kessel Wasser aus dem Bache,
hängt ihn an den Dreifuß, wie es im Brauch.

Schürt sein Feuer, bis das Wasser springt,
lauscht dem Axtschlag und der Sägen Sang
aus dem Jagen überm steilen Hang,
wo der Köhlertrupp das Haubeil schwingt.

In des Bruchbergs wilder Einsamkeit
greift er einen Ast und schlägt die Hillebille,
dass ihr Ruf dringt durch die Wälder Stille:
„Hört, Gesellen! Kommt zur Mittagszeit!“

Ihre Hände lösen sich von Beilesschäften,
und sie hocken sich ums Feuer hin im Kreise,
löffeln Köhlersuppe nach der Väter Weise,
stärken sich an Talg und Brot mit neuen Kräften.


Gedicht „Die Hillebille ruft“ von Alfred Herr

Bei vielen älteren Harzern gehört der Begriff „Hillebille“ noch zu ihrem Wortschatz, bei der jungen Generation findet man nur Wenige, die ihn erklären können. Mit dem Erlöschen des Köhlerhandwerks ist auch das über Jahrhunderte lang im Harz weit verbreitete Verständigungs-Gerät aus dem Alltag verschwunden. So verwundert es kaum, dass die Frage nach diesem Wort heutzutage schon in schwierigen Kreuzworträtseln auftaucht.
Hier im Harz läuft uns der Name noch ab und zu über den Weg: so gab es vor einigen Jahrzehnten eine Heimatzeitung gleichen Namens. Ebenso wird der Berghügel, der sich über der B27 an der Odertalsperre erhebt, so bezeichnet. Und noch heute existiert in Braunlage die urige Kneipe „Hille-Bille“.

Die Hillebille ist ein Holzbrett, auf das mit zwei Hämmern geschlagen wird. Mit unterschiedlichen Schlagfolgen wurden so Nachrichten und Mitteilungen über Entfernungen bis zu 6 km überliefert. Wie im obigen Gedicht anschaulich beschrieben, hat die Hillebille im alltäglichen Gebrauch die im Wald verstreuten Köhler zum Essen herangerufen. Aber es ist bekannt, dass es auch als eine Art Telegrafiergerät gedient hat. Bei Notfällen, Bränden oder auch in Kriegzeiten gab es ganz bestimmte Laute, die weithin über Berge und Täler hallten, um damit die Menschen zu alarmieren. Um die hellen Schläge auch noch in einiger Entfernung hören zu können, musste es ein dünnes Brett (ca. 2,5 cm) aus einem Hartholz sein, das an zwei Schnüren frei schwebend aufgehängt wurde, entweder zwischen zwei Bäumen oder an einem Gestell. Meist war das etwa 70-80 cm lange und 20-25 cm breite Brett aus Buche oder Ahorn, die hölzernen Hämmer (auch Klöppel genannt) aus Hainbuche. Überliefert haben sich auch selten vorkommende Hillebillen mit 2 oder sogar 3 untereinander hängenden Schlagbrettern. Dabei waren Brettgrößen und/oder verwendete Holzarten unterschiedlich. So ließen sich noch sehr vielschichtigere Signalrhythmen erzeugen, als bei dem üblichen Einbrett.

Natürlich ist das Klopfen auf ein Holzbrett, um damit Signale zu geben, keine Harzer Erfindung. So etwas soll es schon bei den alten Griechen gegeben haben. In Nordfrankreich gab es im 8. Jahrhundert ein sehr ähnliches hölzernes Signalgerät. Noch vor wenigen Jahrhunderten diente die Hillebille in ganz Norddeutschland dazu, um Nachrichten von einem Dorf zum anderen weiterzugeben oder um ganze Dorfgemeinschaften zusammenzurufen.
Bei den Köhlern ist neben dem Harz der Gebrauch in den benachbarten Mittelgebirgen wie Thüringer Wald, Solling, Weserbergland und in Nordhessen nachgewiesen; aber ebenso auch in Pommern und Ungarn!

So ist „Hillebille“ nicht aus harztypischem Dialekt abgeleitet, sondern stammt von dem früher wohl in ganz Europa verbreiteten Wort „hellebylle“; in England kennt man die übersetzte Entsprechung „hillybilly“.
Die Herleitung gibt daher auch Anlass für verschiedene Deutungen.
So könnte der erste Wortteil „hill“ von englisch Hügel/Berg stammen. Der zweite Teil „bill“ von Ankündigen bzw. Signalisieren. So gab es zum Beispiel bei den unterschiedlich gestimmten Kuhglocken der ehemaligen Braunlager Herde neben dem Stump, der Schelle, dem Zinker und dem Beischlag auch den „Biller“ und den „Unterbiller“.
Zusammengesetzt könnte „hillebille“ also „Signal aus den Bergen“ bedeuten, was ja dem Gebrauch in der Köhlerei sehr nahekommt.
Der bekannte Harzer Heimatforscher Lutz Wille hat sich detailliert mit der Hillebille beschäftigt und geht bei seiner Wortdeutung auch von der oben genannten ältesten Schriftform „hellebylle“ aus. Danach hat „hel“ die Bedeutung „hell tönend“ und „bylle“ hieß früher die Axt. Dies würde zusammengesetzt „hell tönerne Axt“ bedeuten. Dies korrespondiert mit dem im Oberharz anstelle der Hillebille verwendeten Begriff „Klingebiel“ = „Klingendes Beil“. Hiernach ist auch der gleichlautende Familienname entstanden. Hat man demnach das Holzbrett auch mit der Axt angeschlagen, eventuell mit deren Holzstiel?
In der Niederdeutschen Sprache bedeutet „hille“ = „schnell/rasch“ und „bellen“ = „schlagen“.
Alle beschriebenen Deutungen sind aber gar nicht weit voneinander entfernt. Ob nun hell tönend, schnell oder in den Bergen, ist nicht das Entscheidende. Gemeinsam haben alle, dass etwas signalisiert bzw. geschlagen wird. Und dies ist auch der Sinn dieses Holzbretts: das Anschlagen zum Übermitteln von Signalen, um sich dadurch zu verständigen.

Es stellt sich die Frage, für welche unterschiedlichen Zwecke die Köhler die Hillebille schlugen. In dem anfangs zitierten Gedicht ist das alltägliche Signal des Heranrufens der Köhlergehilfen zum Essen genannt. Daneben gab es noch viele andere, aber eher nur selten benutzte Nachrichten, so bei Notfällen wie Feuer, Unglück oder um Hilfe zu holen. Da die Köhler von ihrem Arbeitsplatz nicht weggehen konnten, war auch das Herbeirufen des Försters als Vertreter des Waldeigentümers in bestimmten Situationen bei der Wald- und Wildbeobachtung notwendig. Hier leistete die Hillebille wichtige Dienste. Natürlich musste der Förster die Signale auch deuten können, bzw. wissen, dass sie ihm galten.

Welche Klopfsignale gab es im Einzelnen bei den Harzer Köhlern; waren sie im gesamten Harz gleich oder gab es regionale Unterschiede?
Damit die Signale auch untereinander verstanden werden konnten, musste man einen gemeinsamen Code entwickelt haben, vergleichbar mit dem Morse- und Telegrafiewesen.
Von diesem Wissen ist allerdings wenig überliefert.

Einige wenige Klopfsignale sind festgehalten und niedergeschrieben worden:
1. kurze, schnell aufeinanderfolgende Schläge, ähnlich einer Sturmglocke: Gefahrensignal, um Hilfe zu holen wenn ein Meiler außer Kontrolle geriet.
2. langsame Schläge hintereinander: Unterstützung/Mithilfe erbeten.
3. zwei kurz aufeinander folgende Schläge, sich wiederholend: Jägerruf; der Förster soll kommen, um über Vorkommnisse im Wald informiert zu werden.
4. dreimal drei Schläge: Essen ist fertig.

Es gab aber neben den einfachen Zeichen auch noch Schläge in Form von rhythmischen Tonfolgen. Harzforscher Lutz Wille erwähnt dazu, dass zu den „schönen“ Ereignissen im Tagesablauf der Köhler eine Art Melodie geschlagen wurde. So gab es einen Rhythmus, der den Text „Der Kaffee kocht, der Kaffee kocht, kommt all herbei, der Kaffee kocht“ übermittelte. Wenn die Köhlersuppe gar war, ertönte der Rhythmus: „Zusamm`, zusamm`, die Suppe kocht; zusamm`, zusamm`, die Suppe kocht; die Suppe kocht; kommt, kommt, kommt“.

In Braunlage hat das Schlagen der Hillebille noch bis heute Tradition. Nicht bei Köhlern im Wald, denn der Beruf ist längst ausgestorben, sondern beim örtlichen Harzklub-Zweigverein. So beginnen die regelmäßig stattfindenden Harzheimat-Abende symbolisch mit dem Anschlagen des Holzbrettes, nachdem die Musikgruppe die Bühne betreten hat. Dazu fallen die Worte:
Mit dem Anschlagen der Hillebille, einem alten Signalinstrument der Harzer Köhler, ist der Heimatabend eröffnet!


zu den 4 beigefügten Bildern gehören folgende Bildunterschriften:

Bild „Hillebille Wikipedia“
Im Bergbaumuseum Clausthal-Zellerfeld steht diese -wohl originale- Hillebille mit zwei Schlagbrettern. Bei dieser seltenen Bauweise (üblich war nur ein Klangbrett) ist eine sehr differenzierte Signalgebung möglich. Foto: Heinz-Josef Lückung, Abb. in Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Bild „Braunlager Meiler“
Bei den jährlich stattfindenden „Braunlager Köhlertagen“ steht die im Vordergrund zu erkennende Nachbildung einer Hillebille. Sie besteht aus zwei senkrecht hängenden unterschiedlich großen Schlagbrettern. Foto: D. Lübker

Bild „Köhler-Ehepaar“
Alte Ansichtskarten oder Fotos von Köhlern bei der Arbeit sind rar, Abbildungen mit in der Nähe der Köhlerhütte („Köte“) hängenden Hillebille nahezu unbekannt. Auf dieser Postkarte um 1910 sieht man ein älteres Köhler-Ehepaar. Den alten Köhler wurde die Arbeit an den Meilern oft zu schwer. Dann blieben sie an der Köte und bereiteten dort die Mahlzeiten zu. Sie waren es auch, die das Schlagen der Hillebille am besten beherrschten, da sie damit regelmäßig die weit im Wald verstreuten Gehilfen zu den Pausen riefen. Oft waren von der Köte aus mehr als 5 Meiler zu kontrollieren. Foto: Archiv J. Kühnhold

Bild „Meiler“
Bei dieser Postkarte (gelaufen 1908) war gerade der Förster (2. von rechts) zu Besuch am Meiler auf dem abgeholzten Hai. Dies tat er oft, um sich nach Vorkommnissen im Wald zu erkundigen. Mit einem speziellen Signal auf der Hillebille konnten die Köhler ihn auch „alarmieren“, wenn es wichtig war. Die den Köhlern vom Förster zugewiesene Waldfläche wird als "Hai" (von "häu"= hauen) bezeichnet.
Foto: Archiv J. Kühnhold

Angefügte Bilder:
Bild Braunlager Meiler_.jpg   Bild Hillebille Wikipedia_.jpg   Bild Köhler-Ehepaar_.jpg   Bild Meiler_.jpg  

Volka Offline




Beiträge: 4.583

25.04.2011 13:54
#2 RE: Hillebille Antworten

Hallo Jörg,

den Begriff kannte ich und auch dass es Laute hergab. Nun weiß ich es richtig. Herzlichen Dank für diesen langen und informativen Beitrag!

Volker


kuno Offline



Beiträge: 1.500

25.04.2011 16:30
#3 RE: Hillebille Antworten

Gern, Volker.
Manchmal habe ich einfach Lust, auch einmal Nicht-Eisenbahnerisches hier im Forum zu bringen. Zumal es ja auch ein Forum für Heimatkunde und Harzhistorie ist, und dies ist ja nun mein eigentliches (Haupt-)Hobby.

Gruß
Jörg


AxelR. Offline



Beiträge: 1.762

25.04.2011 22:03
#4 RE: Hillebille Antworten

Volka hat alles gesagt,
Danke.

Gruss aus dem Harz
Axel


OOK Offline


BAE-Club-Mitglied



Beiträge: 5.507

29.04.2011 11:45
#5 RE: Hillebille Antworten

Sehr schöner Beitrag, Jörg, danke!

OOK.
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