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Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 232 mal aufgerufen
 Hachzer Sprache, Mundart, Aussprache
kuno Offline



Beiträge: 1.500

10.12.2008 04:22
#1 Unterschiedliche Sprachen im BAE-Land Antworten
Dass es eine Eisenbahnlinie Braunlage – St. Andreasberg früher nicht gegeben hat, liegt u.a. auch daran, dass die beiden Endpunkte in der Kaiserzeit in unterschiedlichen Territorien lagen. In Königskrug überschritt man die Grenze zwischen Braunschweig und Preußen. Diese Grenze gab es übrigens schon immer, sie reicht bis ins tiefe Mittelalter zurück. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch verschiedene Sprachen bzw. Dialekte entwickelten. Glaubt bloß nicht, dass im Harz hochdeutsch gesprochen wurde. Meist verstanden sich die benachbarten Dörfer nur mit Schwierigkeiten, und gegenüber Fremden wollte man sich sowieso abgrenzen, die hatten im Harz somit erst recht ihre Probleme.
Die BAE soll wohl in den 1930er Jahren spielen. Zu der damaligen Zeit sprachen garantiert die älteren Eisenbahner noch ihren Dialekt, obwohl sie natürlich auch schon des Hochdeutschen mächtig waren. Trotzdem musste man damit rechnen, dass z.B. der Fahrdienstleiter in Braunlage in einem Telefonat mit einem Kollegen in St. Andreasberg oder anderswo im preußischen Teil des Harzes mal leichte, mal schwere Verständigungsschwierigkeiten haben konnte, je nach Stimmung und Laune des Einzelnen.

Folgendes Beispiel mit Textvergleichen soll einen kleinen Einblick in diese Materie geben. Hier zunächst ein Satz in Hochdeutsch:
„Ich habe es mir überlegt. Heute Abend um fünf gehe ich zu meinem Bruder, nachher hole ich mein Mädchen ab, dann gehen wir aus und kommen morgen früh erst wieder nach Hause“.
In St. Andreasberg hat sich dieser Satz früher so angehört (bitte jeder laut vorlesen, damit es besser verständlich ist und wirkt):
„Ich hoob morsch ieberlecht. Heit Ohmd im finnewe gie ich zu menn Bruder, schpäter lang ich mei Mädel ob, denn giehn mer aus un kumme morng frieh arscht hemm.“
Im vorharzerischen Bad Lauterberg klang es wiederum so:
„Iche hoa mich datte ebberlecht. Hiete Ohmd imme finnewe jeh ich noo mien Brooder, hernoochten lange ich mien Määchen ab, denn jehn meh uhs un komm morjen freh erscht wedder na Hahme.“
Schließlich im tiefen Harz in Braunlage sprach man ein ganz anderes Platt:
„Ek hewwet mek ewerlejt. Hiete Am dumme finnewe gah ek na min´n Brauder, hernaachten hal´ ek min Mäken af, dann gahn mei ut uh kommen morjen freu erscht na Hus.“

So war ein jeder Harzer stolz auf seine spezielle Mundart und hörte am Dialekt des anderen, ob es seinesgleichen oder ein Fremder war. So gab es auch unterschwellig immer so eine Art Wettkampf untereinander, welche Sprache die Schönste und Blumigste war.

Wettkämpfe der Harzer Orte untereinander gab es auch in einer ganz anderen Disziplin. Diese war im Norddeutschen Raum aufgrund der Schneesicherheit und der Kälte nur im Harz möglich. Dies waren die Eis- und Schneebauten. Aus dem „weißen Gold“ wurde so manches Kunstwerk geformt. Vor rund 100 Jahren war es schick und unterhaltsam, heute ist dieses Handwerk fast vergessen. Mit den folgenden alten Bildern von solchen Harzer Schneefiguren möchte ich Euch allen eine schöne Vorweihnachtszeit wünschen.

Vielleicht fühlt sich ja jetzt mancher Harz-Modellbauer animiert, auf seiner Bahn-Winterlandschaft solche oder ähnliche Kunstwerke, z.B. auf einem Bahnhofsvorplatz oder an einem Waldweg, zu gestalten. Das hat jedenfalls was und ist garantiert Harztypisch!

Jörg aus Braunlage

P.S.: Nochmals zum Dialekt und für alle SHE-Fans: Ein kleines Braunlager Tonstudio ("Mülltonnensender")hat 1983 eine Hörspielcassette über die SHE aufgenommen. Das Stück heißt "Die Bombe" und handelt von einem Anschlag auf einen Zug der Südharz-Eisenbahn. Größtenteils spielt es im Bahnhof Brunnenbahcsmühle. Es ist natürlich frei erfunden. Da es von Einheimischen besprochen wurde, die auch besonders den Dialekt betont haben, können sich die Zuhörer einen guten Eindruck von der Braunlager/Harzer Mundart machen. Das Cover habe ich einmal als Bild beigefügt. Wer Interesse an dem Stück hat, möge mich bitte anmailen.
Angefügte Bilder:
Die Bombe.jpg   Gambrinus 1937.jpg   HarzerBerggeist.jpg   Schneebauten 1914 CLZ.jpg   Schneebauten 1929 Dino.jpg   Schneebauten Vater Harz um 1920.jpg  

Sebastian Offline


BAE-Club-Mitglied



Beiträge: 141

11.12.2008 08:44
#2 RE: Unterschiedliche Sprachen im BAE-Land Antworten
Zitat von kuno

Schließlich im tiefen Harz in Braunlage sprach man ein ganz anderes Platt:
„Ek hewwet mek ewerlejt. Hiete Am dumme finnewe gah ek na min´n Brauder, hernaachten hal´ ek min Mäken af, dann gahn mei ut uh kommen morjen freu erscht na Hus.“



Diese Dialektfrage ist sehr spannend. Interessanterweise klingt die Braunlager Version fast wie das "Bremer Platt", das in meiner Heimat (Mittelweserregion) gesprochen wird, hier aber noch mit etwas größerer Nähe zum Niederländischen.
Wer beim Einschlag des "Golden Spike" auf der BAE dabei war, wird sich an OOK´s kleine Festrede erinnern, die er in einem von mir kaum zuzuordnenden Dialekt gehalten hat. Otto, ich nehme an, dass das die "Lauterberger Lautschrift" war?

BAE: betrieblich außerordentlich ereignisreich!!!


OOK Offline


BAE-Club-Mitglied



Beiträge: 5.507

11.12.2008 09:40
#3 RE: Unterschiedliche Sprachen im BAE-Land Antworten
Zitat von Sebastian
Otto, ich nehme an, dass das die "Lauterberger Lautschrift" war?

Sollte es zumindest sein, aber der Lauterberger Slang ist mir lange aus dem Ohr.

OOK.
www.0m-Blog.dewww.edition-jaffa.de
_______________________


Ilfelder Offline




Beiträge: 1.241

11.12.2008 21:47
#4 Re: Unterschiedliche Sprachen im BAE-Land Antworten
Ja Ungerschiede gitts ah vor allen in Südharze, mie hier in Ilefald schwatzen noch son richtijes Nordhisser platt, so richtij langjetreckt un jewöhnlich, ohmne in Benneckenstein, da schwatzense an hartes Hochdeutsch, awer erjendwie annerschter wie drei Kilometer hen in Hohegeiß un än Stücke hen in Stieje do schwatzense wedder vollkommen annerscht!
Das es doch verrückt odder nich?
Gruß aus Ilfeld, wo die Mundart der Ahnen leider auch immer mehr in Vergessenheit gerät.
Es gehört heute nicht mehr zum guten Ton unter den ganzen braungebrannten Möchtegerns und Neureichen mit hochgesteckter Designersonnenbrille und schickem Wagen auf Pump. Nur wenige Mitmenschen aus meiner Generation versuchen sich die ohle Ilefelder Mundart zu bewahren, leider.
In dem Buch von Manfred Bornemann (übrigens ein waschechter Ilfelder) und Hans Dorner -75 Jahre Harzquer und Brockenbahn- sind einige Beiträge über den Betrieb der Harzquerbahn im südharzer Streckenabschnitt mit eigenen Erlebnisberichten des Autors gespickt und in Ilfelder Mundart niedergeschrieben, teilweise sehr zum schmunzeln.
Gute Nacht, Thomas

kuno Offline



Beiträge: 1.500

13.12.2008 19:01
#5 RE: Unterschiedliche Sprachen im BAE-Land Antworten

Hallo Sebastian u.a.,
ich habe einmal ein Karte mit den unterschiedlichen Sprachgebieten beigefügt.
In Süd- und Ost-Niedersachsen wird die ostfälische Mundart gesprochen. Diese reicht im Westen und Nordwesten bis an die Weser. Im Bremer Bereich wird dann wiederum Nordniedersächsisch gesprochen.
Im Harzer Raum sind die Trennungen vielfältiger: Während der sachsen-anhalt. Nordharz (WR, HBS, QLB) ebenfalls ostfälisch spricht, wird im südlichen Harz (Nordhausen bspw.) mitteldeutsch gesprochen.
Aufgrund der Einwanderungen sächsischer Bergleuten hat sich im Oberharz im Bereich St. Andreasberg und Clausthal-Zellerfeld eine mitteldeutsche Sprachinsel im ostfälischen bereich gebildet.
Unabhängig von den dargestellten Sprachgebieten gibt es dann noch die regionalen Mundarten, die im Harzgebiet ungeheuer vielfältig und von Ort zu Ort verschieden sind. Dazu ein anderes Mal mehr.

Zu diesen trocknen Fakten habe ich anbei eines meiner Lieblingsstücke in Harzer Mundart beigefügt. Es ist abgedruckt in dem Buch "Die Mundarten des Harzgebietes" von Prof. Lutz Wille, erschienen 2001, mit Hör-CD.
Dieses Stück heißt "Zusammentreffen mit dem Nationalparkwächter in der Brake" und ist in der Andreasberger Mundart, also mitteldeutscher Sprache (verwandt mit dem Erzgebirgischen) geschrieben.

Es ist eines meiner Lieblingsstücke, handelt es doch von einem typischen Zusammentreffen eines Harzer Nationalpark-Rangers (die allesamt keine Einheimischen sind und darauf bedacht sind, dass kein Wanderer die Wege verläßt und gegen die Regeln verstößt) mit einem waschechten Harzer. Da sind Konflikte vorprogrammiert.
Auch ich kann von derartigen Zusammentreffen ein Lied singen!

Viel Spaß beim Lesen
und in der Hoffnung ein interessantes Thema in diesem Harzforum angestoßen zu haben.

Jörg (Braunlage)

Angefügte Bilder:
Karte Ostfälisch.jpg   Nationalpark1.jpg   Nationalpark2.jpg  

Bergmensch Offline




Beiträge: 3.260

14.12.2008 14:21
#6 RE: Unterschiedliche Sprachen im BAE-Land Antworten

Sehr schöner interessanter Beitrag der mir aus der Seele spricht.
LG Reiner

Gruß von ganz oben, der Bergmensch 🙋‍♂️


AxelR. Offline



Beiträge: 1.762

26.05.2010 20:23
#7 RE: Unterschiedliche Sprachen im BAE-Land Antworten

Zitat von kuno

P.S.: Nochmals zum Dialekt und für alle SHE-Fans: Ein kleines Braunlager Tonstudio ("Mülltonnensender")hat 1983 eine Hörspielcassette über die SHE aufgenommen. Das Stück heißt "Die Bombe" und handelt von einem Anschlag auf einen Zug der Südharz-Eisenbahn. Größtenteils spielt es im Bahnhof Brunnenbahcsmühle. Es ist natürlich frei erfunden. Da es von Einheimischen besprochen wurde, die auch besonders den Dialekt betont haben, können sich die Zuhörer einen guten Eindruck von der Braunlager/Harzer Mundart machen. Das Cover habe ich einmal als Bild beigefügt. Wer Interesse an dem Stück hat, möge mich bitte anmailen.



Nachfolgend der direkte Link zur Seite von Axel Zierer mit Bildern der SHE und natürlich dem Hörspiel "Die Bombe" Edit : Wenn auch nur als kurze Hörprobe.
http://www.axelzierer.de/bombe.html
(Nebenbei die Frage : WER kannte die Seite noch NICHT ?)
P.S.: Folgender Link ist neu auf der Seite ! http://www.axelzierer.de/bombe3.html
Diesen habe ich heute auch das erste mal gesehen !
So, und nun viel Spass damit !
Edit : Hat jemand ein Impressum oder Gästebuch auf der Seite entdeckt ?? ICH nicht....

Gruss aus dem Harz
Axel


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